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SJW

« Das geistige Rütli der Schweizer Jugend »

« Un Grutli spirituel pour la Jeunesse Suisse »

75 Jahre SJW Schweizerisches Jugendschriftenwerk
75 ans OSL Œuvre Suisse des Lectures pour la Jeunesse


Autor/auteur: Charles Linsmayer
108 Seiten/pages, 290 Farbbilder/images en couleur
Deutsch und Französisch (Traduction François Conod)
Format: 210x270
ISBN 978-3-7269-0528-6
Preis: Fr. 35.--

Pressestimmen

© Tages-Anzeiger; 26.11.2007; Seite 59
Ein Stück Schweizer Mentalitätsgeschichte
Seit 75 Jahren gibt es sie, die SJW-Hefte. Und neu dazu ein Buch und eine Ausstellung.
Von Christine Lötscher
«Mama, wie viele SJW-Hefte darf ich kaufen?» - Älteren Frauen (Väter sind selbstverständlich mitgemeint) ist diese Frage so vertraut wie Samichlaus und Osterhase, doch für junge Eltern ist sie eher neu. Schon in der dritten Generation können Kinder die kleinen Hefte mit dem grossen Qualitätsanspruch jeweils für fünf Franken in der Schule kaufen. Bis 2007 wurden knapp 50 Millionen SJW-Hefte verkauft, und zwar in allen vier Landessprachen. Viele der Titel - es sind bisher 2300 - mussten mehrfach nachgedruckt werden. Das gilt vor allem für Klassiker wie «Die Pfahlbauer am Moossee» von Hans Zulliger, eines der ganze alten Hefte von 1933, oder für Franz Hohlers «Sprachspiele» von 1979. Wenn man sich das neue Programm des Schweizerischen Jugendschriftenwerks, kurz SJW, ansieht, versteht man die kauffreudigen Kinder: Nicolas Robel, den jungen Westschweizer Comiczeichner, findet man ebenso wie Hannes Binder, den Schweizer Kandidaten für den Hans-Christian-Andersen-Preis 2008. Das kommt fast einer Revolution gleich, denn in den letzten Jahren waren die Hefte nicht nur harmlos und brav illustriert, auch Layout und Typografie waren alles andere als einladend; auf dem vielfältigen Kinderbuchmarkt konnte der SJW-Verlag nicht mehr mithalten. Die neuen Hefte dagegen sind ausgesprochen schön, und auch bei den Texten gibt es Trouvaillen - eine spannende und klug erzählte Abenteuergeschichte von Franco Supino zu Beispiel, «Die Wilderer der Maremma», deren Spiel mit Realität und Fiktion durch die hyperrealistischen Vignetten von Hannes Binder unterstrichen wird. Verantwortlich für die positive Wendung ist Margrit Schmid, Künstlerin und Filmemacherin, die den SJW-Verlag Anfang 2006 übernommen hat. Indem sie grossen Wert aufs Grafische legt und indem sie historische Themen wie den Bergsturz von Goldau 1806 («Wenn sich Berge zu Tal stürzen», SJW 2006) aufnimmt, stellt sie sich ganz bewusst in eine Tradition, die für sie auch heute noch den Reiz der SJW-Hefte ausmacht. Hinter der Gründung des SJW vor 75 Jahren stand die Idee, den Kindern eine Alternative zu den Schundheftchen zu bieten, die in den 1930er-Jahren als Schrecken aller Pädagogen grassierten. Während die Texte sich eher aufs Bilden und Belehren der jungen Leserschaft konzentrierten, spielten die avancierten Illustrationen von Anfang an mit der populären Ästhetik des Heftchengenres. Um diese Zusammenhänge einem grösseren Publikum zugänglich zu machen, hat Margrit Schmid eine Ausstellung mit SJW-Covers aus 75 Jahren initiiert und eingerichtet, die nun im Katalogsaal der Zentralbibliothek in Zürich zu sehen ist.

Vom Rütli zu Aids

Ebenso aufschlussreich wie die Geschichte der SJW-Illustration ist das gesellschaftliche und politische Umfeld, in dem sich der Verlag 75 Jahre lang halten konnte. Zur Eröffnung der Ausstellung ist ein Buch von Charles Linsmayer erschienen, das die einigermassen bewegte Geschichte des SJW minuziös und kenntnisreich dokumentiert und kritisch durchleuchtet. «Ein Rütli für die Schweizer Jugend» liest sich als ein Stück Mentalitätsgeschichte der Schweiz und zeigt, wie stark sich gesellschaftliche und kulturgeschichtliche Tendenzen anhand der Kinder- und Jugendliteratur nachverfolgen lassen - gerade weil sie an der problematischen, aber aufregenden Schnittstelle zwischen Kunst und Pädagogik angesiedelt ist. Dass es die kleinen Hefte heute immer noch gibt, ist erstaunlich - Charles Linsmayer spricht sogar von einem Wunder, angesichts der «von vielerlei Vorurteilen und Fehleinschätzungen geprägten, ständig zwischen Erfolg und Misserfolg hin- und herschwankenden» Verlagsgeschichte. Die puristische Linie der Gründerväter, die der Jugend nur moralisch und stilistisch hoch Stehendes zumuten wollten, liess sich nicht lange halten - die SJW-Hefte boten keinen Ersatz für populäre Lesestoffe. Mitte der 1930er-Jahre rückte mit der Bedrohung durch den Nationalsozialismus das Politische ohnehin mehr in den Vordergrund; geistige Landesverteidigung war angesagt, auch hier. Nach 1945 blieben die SJW-Hefte den guten alten pädagogisch wertvollen Stoffen verpflichtet, ohne sich auf reale Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen einzulassen. Das änderte sich erst spät, in den 80er-Jahren, als Heinz Wegmann die Leitung des Verlags übernahm. Er führte populäre Genres wie Krimi und Comic ein, liess eine ganze Reihe von jüngeren Schweizer Autorinnen und Autoren schreiben - sogar Niklaus Meienberg -, die mit dem idyllischen Schweiz-Bild der Gründerväter nichts am Hut hatten, und er stellte aktuelle Themen ins Zentrum: Sexualität, Aids und Drogen. Immer prekärer wurden allerdings die Finanzen. Heute steht das SJW in einem ganz anderen Umfeld, was Leseförderung angeht. Margrit Schmid hat für den SJW-Verlag einen neuen Platz gefunden, ohne von der bewährten Strategie abzuweichen, indem sie den Kindern in jeder Hinsicht leicht zugänglichen Lesestoff bietet.

Charles Linsmayer: Ein geistiges Rütli für die Schweizer Jugend. 75 Jahre Schweizerisches Jugendschriftenwerk. (Zweisprachig; ins Französische übersetzt von Fran&ccdil;ois Conod). SJW, Zürich 2007. 105 S., 35 Fr.
Ausstellung im Katalogsaal der Zentralbibliothek Zürich bis 15. Januar.
Die Hefte können unter www.sjw.ch bestellt werden.


© Der Bund; 13.11.2007; Seite 31
Charles Linsmayers Buch zur Geschichte des Schweizerischen Jugendschriftenwerks SJW
Wider «untergeistige Schriften»
Wären es Bücher, so müsste man sie zu den ewigen Bestsellern zählen: Seit 1931 wurden fast 50 Millionen SJW-Hefte verkauft. Wie das Buch «Ein geistiges Rütli für die Schweizer Jugend» zeigt, steckt in den kleinen Publikationen bis heute viel helvetische Mentalitätsgeschichte.
Regula Fuchs
Franz Hohler lernte, dass man sich von einem Misserfolg nicht abschrecken zu lassen braucht, Isolde Schaad führt gar ihr feministisches Engagement darauf zurück – es geht um die Lektüre der SJW-Hefte, der Lesereihe des Schweizerischen Jugendschriftenwerks, das seit 1931 beinahe 50 Millionen Hefte an Kinder und Jugendliche verkauft hat. Zum 75-Jahr-Jubiläum der Institution, das man letztes Jahr feierte, hat der «Bund»-Autor Charles Linsmayer die Geschichte des Jugendschriftenwerks übersichtlich und reich illustriert aufgearbeitet.

Das Wahre, Schöne, Gute

Begonnen hat alles mit jenen Jugendlichen, die in den Dreissigerjahren so genannte «Schund- und Schmutzliteratur» en masse verschlangen. Viele Lehrer waren schockiert darüber, dass die Kinder ihr Taschengeld für «untergeistige Schriften» wie «Der Vampyr von Amsterdam» oder «Die Mädchenfalle am Hudson» ausgaben. 1931 wurde ein Verein gegründet, der billige Publikationen veröffentlichen sollte, die den Schundheften äusserlich zwar gleichen, aber erzieherisch wertvolle Inhalte vermitteln sollten. Der Grundsatz des Wahren, Schönen und Guten wurde bis weit in die Siebzigerjahre hinein beibehalten, die ausdrückliche moralische Quintessenz ist in allen frühen Heften zu finden.

«Kampf um Augusta Raurika»

Vor und während dem Zweiten Weltkrieg verbreiteten die SJW-Hefte im Zuge der geistigen Landesverteidigung nationale und patriotische Inhalte und spiegeln damit ein Stück Schweizer Mentalitätsgeschichte wider. Dabei, so streicht Linsmayer heraus, war der Abstand zur politischen und sozialen Aktualität und zur Lebenswirklichkeit der Jugendlichen damals und bis in die Siebzigerjahre hinein gross: «Wirkliche Probleme und dramatische Entwicklungen gab es nur in der Geschichte: Bei den Pfahlbauern am Moossee, den Hunnen, den Scharfschützen von 1798 (...) oder beim Kampf um Augusta Raurika». Und in den Heften für Erstleser herrschte eine heile, idyllische Bilderbuchwelt vor.

Die Idylle relativieren

Über die Blütezeit der SJW-Hefte in den Sechzigerjahren, als jährlich über eine Million Exemplare in den vier Landesteilen verkauft wurden – einzelne davon waren also regelrechte Bestseller, und das in unzähligen Auflagen –, verliert Linsmayer wenige Worte. Denn inhaltlich wird erst in den Siebzigerjahren, mit dem neuen Verlagsleiter Heinz Wegmann, der Staub aus der Reihe geklopft. Wegmann machte aus dem Jugendschriftenwerk einen modernen Verlag, der auch heisse Eisen anpackte: Sexualität, Aids, Drogen. In den belletristischen Heften kamen jüngere und kritische Schweizer Autorinnen und Autoren zu Wort, die die idyllische Perspektive auf die Schweiz relativierten. Allerdings wurde die wirtschaftliche Lage in den Achtzigerjahren immer prekärer – eine Situation, die bis heute anhält. Viele Lehrer waren nicht mehr daran interessiert, die Hefte als Schulhausmitarbeiter zu verkaufen, die Subventionen gingen zurück, die Schülerzahlen waren rückläufig. 2005 wurden gerade noch 125 000 Exemplare verkauft.

Was bestehen bleibt

«Ist das Phänomen SJW heute noch zeitgemäss und zukunftsfähig?», fragt Charles Linsmayer am Schluss und lässt den ehemaligen Verlagsleiter Heinz Wegmann antworten: «Das ist und bleibt bestechend: ein Kind, das sich mit dem eigenen Sackgeld nach eigener Wahl etwas qualitativ Gutes zum Lesen erstehen kann.» [i]

Buch und Ausstellung
Charles Linsmayer: «Ein geistiges Rütli für die Schweizer Jugend». 75 Jahre SJW Schweizerisches Jugendschriftenwerk. Zürich 2007, 105 Seiten, Fr. 35.–. Zurzeit ist in der Zentralbibliothek Zürich eine SJW-Wanderausstellung zu sehen, die 2008 auch in Freiburg, Luzern und an den Solothurner Literaturtagen gastiert. www.sjw.ch.


© NZZ am Sonntag; 11.11.2007; Ausgabe-Nr. 45; Seite 73
Tipps
Zugabe
Schmutz und Schund

Manfred Papst

In der Zürcher Zentralbibliothek ist derzeit eine Ausstellung zum Thema «75 Jahre Schweizerisches Jugendschriftenwerk» zu sehen, und Charles Linsmayer hat zu diesem Jubiläum ein so gründliches wie gescheites, für ein Auftragswerk zudem bemerkenswert kritisches Begleitbuch verfasst. Es erzählt in Text und Bild von der Publikationsreihe, die jedes Schweizer Kind seit 1932 als «SJW- Heftli» kennt: Broschüren mit farbigen Titelblättern, denen etwa zu entnehmen war, was Edison alles erfand und wie der Südpol erobert wurde, wie viel Gutes der Urwalddoktor Albert Schweitzer tat oder was 650 Jahre Eidgenossenschaft kennzeichnete. Vom Weissen Wal war ebenso die Rede wie vom Schwarzen Tod. Die Initiative zu diesen Heften, von denen bis heute insgesamt nicht weniger als 2300 Titel und 50 Millionen Exemplare verkauft wurden, kam aus Lehrerkreisen. Sie setzten sich gegen die ausländische «Schmutz- und Schundliteratur» an den Kiosken zur Wehr und wollten der Jugend eine Alternative zu den Groschenromanen mit Helden wie Frank Allan oder John Kling bieten. Auch an der Davoser Primarschule, die ich besuchte, waren die Hefte gegenwärtig: In regelmässigen Abständen wurden die neuen Folgen vom Lehrer vorgestellt und für wenig Geld zum Kauf angeboten. Dass er sich damit ein Zubrot verdiente, wurde mir erst viel später klar. Ich kaufte damals also recht fleissig SJW-Hefte, zumal die Eltern das gut fanden, und als ich nun die Abbildungen der vielen bunten Titelblätter sah, kam mir gar manches wieder in den Sinn. «Hütet Euch am Morgarten»! «Wir spielen Fussball»! «Urida, die Kleine Rose»! Mir fiel aber auch wieder ein, dass ich die Hefte nie besonders gemocht hatte. Sie waren mir zwar wie jedes Lesefutter willkommen, aber «richtige» Bücher, wie sie zu Hause reichlich standen, waren mir lieber, und auch zum «Schund» fühlte ich mich stärker hingezogen. John Kling kannte ich zwar nicht mehr, wohl aber Jerry Cotton und Kommissar Wilton. Die durfte ich nur heimlich lesen, während ich von der Mutter jeweils ein Comic-Heft bekam, wenn ich krank war. Micky Maus, Fix & Foxi. Ich war viel krank damals. Wenn ich mir heute überlege, was mich an den SJW-Heften instinktiv störte, würde ich sagen: Sie waren zu brav und nicht ganz aufrichtig. Sie erzählten keine Geschichte ohne pädagogischen Hintergedanken. So etwas merken Kinder schnell.

Erst Jahre später wurden sie frecher. Unser Nachwuchs brachte das SJW-Heft «Sprachspiele» von Franz Hohler heim. «Sparchspeiel» stand darauf, «Chasperlispe», sogar «Arschpeplise». Das hätte mir gefallen!

© Aargauer Zeitung / MLZ; 02.11.2007; Seite 31

Kultur
Mit guten Heftli gegen die Schundliteratur

Roland Erne

Lesen Die SJW-Hefte wurden von Pädagogen gegen minderwertige Literatur gegründet. Eine Ausstellung und ein Buch erzählen die 75-jährige Geschichte des Schweizerischen Jugendschriftwerks. Generationen von Schulkindern sind mit den so genannten SJW-Heftli aufgewachsen. Damit verbunden sind verblasste oder aber nachhaltige Erinnerungen; auch bei jenen, die heute schreiben und zum Lesen verführen, wie die Ausstellung im Katalogsaal der Zentralbibliothek Zürich und Charles Linsmayers aufschlussreiche Publikation zum SJW-Jubiläum aufzeigen. Stiess Anita Siegfried vor Jahren in Hans Zulligers Verkaufserfolg «Pfahlbauer vom Moossee» auf eine berauschende «Welt im Lot», erhielt Klaus Merz von seiner Mutter einst Leseverbot. Mit einem Bändchen wie «Mit dem Düsenflugzeug durch die Schallmauer» drohte Unheil, zumal es eine schwere Mittel- ohrentzündung zu überstehen galt. Mit seinen Worten: «Viel Fieber klebt an gilben Seiten.» Und Franz Hohler hat im 1932 erschienenen SJW-Beitrag «Wie Edison Erfinder wurde» gar wegweisende Sätze gefunden. Zum unverdrossenen Festhalten an eigenen Ideen auch des frei- schaffenden Künstlers gehört für ihn sein SJW-Heft «Sprachspiele» (1979), das Spass an der Sprache und nicht etwa beeindruckende Wortkunst vermitteln soll(te). Für den Spassfaktor bei der (Erst-)Begegnung mit Literatur sensibilisiert zeigte sich bereits Fritz Brunner, einer der SJW-Vordenker: «Die Lesefreude ist das Hauptziel.» Mit der 1931 in Olten begründeten Institution hatten sich besorgte Pädagogen freilich auch dem Kampf gegen die an Kiosken erhältliche «Schund- und Schmutzliteratur» mit Serienhelden vom Schlag eines Frank Allan, John Kling oder Harry Piel verschrieben. In auflagenstarken und populären Groschen- und Kolportageromanen dieses Zuschnitts erkannten alarmierte Lehrer wie Brunner «untergeistige Schriften», die einer Gefährdung der «Geschichten voll pochenden Lebens» wünschenden Jugendlichen mit hohem Ansteckungspotenzial gleichkamen. Die Etablierung des SJW war als Gegenmassnahme gedacht, die im Vertrauen auf «erzieherische und andere kulturelle Instanzen» wirksam werden sollte. Mit dem 1957 in eine Stiftung übergeführten SJW wurde demnach eine Art Damm gegen minderwertige Literatur zu kostengünstigen Konditionen errichtet. Im Wortlaut der damals formulierten Statuten: «Zweck des Vereins ist die Herausgabe und Verbreitung guter und billiger Jugendschriften.» Die von der SJW-Stiftung konzipierte Jubiläumsausstellung dokumentiert die Verwerfungen dieser Anfänge in Vitrinen mit frühen SJW-Exemplaren, Konkurrenzpublikationen ähnlich ausgerichter Reihen und damals verteufelter Massenware sowie mit einschlägigen Pressestimmen. Erste Nummern wie «Der Klub von Spürnasen» mit Rätselfragen oder die Fridtjof-Nansen-Biografie «Vorwärts zum Nordpol» waren indes kaum geeignet, den Kreuzzug gegen die Schundlektüre siegreich zu gestalten, wie bei Linsmayer unter dem Titel «Ein geis- tiges Rütli für die Schweizer Jugend» nachzulesen ist. Ebenso unverblümt verweist der belesene Literaturwissenschafter in seiner gründlichen Verlagsgeschichte auf jene «ausdrückliche moralische Quintessenz», die fast alle SJW-Hefte der ersten 20 Jahre prägte. Lange auch galt im Zeichen der Leseförderung historischen Erzählungen sowie Bastel-, Mal- und Werkheften viel Aufmerksamkeit, derweil der real existierende Alltag des jugendlichen Lesepublikums › so Linsmayer › bis in die späten 70er-Jahre ausgeblendet blieb. Erst 1980 erschien › gegen Widerstand › mit «Familie Braun-bär» von Mario Grasso der erste Comic, nicht mehr länger tabuisiert wurden auch virulente Themen wie Sexualität, Aids-Prävention und Drogen. Mit einiger Verspätung erfolgte › nach diversen Staatskundeheften › mit «Retten Sie wenigstens mein Kind» (1999) überdies eine Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg. Die SJW-Jubiläumsausstellung spiegelt diesen überfälligen Wandel der zwischenzeitlich der geistigen Landesverteidigung verpflichteten und mit finanziellen Turbulenzen ringenden Institution mit einer sachlichen bis doch gar spröden Schau, führt aber auch elementare Errungenschaften und Konstanten des 1989 von Pro Juventute losgelösten SJW vor Augen. Bis heute gesetzt ist das ursprüngliche Erscheinungsbild: Die jeweils in einer Erstauflage von 20 000 Exemplaren gedruckten SJW-Hefte erscheinen weiterhin in handlichem Format (135 mal 210 Milimeter) mit 32 bis 48 Seiten Umfang und Klammerheftung. Der direkte Zugang zu den Schulen garantiert ein weitgehend intakt gebliebenes Vertriebsnetz, seit 1932 in der gesamten Deutschschweiz, ab 1935 bzw. 1941 auch für Titel in französischer respektive italienischer Sprache und in Rätoromanisch. Bis 2007 sind über 2500 SJW-Hefte in einer Gesamtauf- lage von knapp 50 Millionen Exemplaren erschienen. Auffällig ist die jüngst wiederbelebte Zusammenarbeit mit profilierten Illustratoren wie Hannes Binder oder Meret Oppenheim zum einen, mit Literaturschaffenden wie Max Huwyler, Anita Schorno, Franco Supino, Leo Tuor oder Emil Zopfi zum andern. Zumal der Kriminalroman › trotz Friedrich Glausers Werk › im SJW mit Peter Zeindlers «Klick!» (1996) erst spät salonfähig wurde. Und rechtzeitig zur Fussball-EM 2008 auf heimischem Boden liegt nun auch das SJW-Heft «Fussball. Regeln, Tricks und Tipps» vor › mit einem Geleitwort von Nati-Coach Köbi Kuhn. 75 Jahre SJW Ausstellung im Katalogsaal der Zentralbibliothek Zürich, bis 15. Januar 2008. Weitere Stationen: Freiburg, Luzern, Solothurn (Literaturtage 2008). Jubiläumsschrift Charles Linsmayer: Ein geistiges Rütli für die Schweizer Jugend. Schweizerisches Jugendschriftenwerk 2007. 108 S. (dt./frz.), Fr. 35.›. Zürichsee-Zeitung; 01.11.2007

Kultur
Zürcher Zentralbibliothek Ausstellung 75 Jahre Schweizerisches Jugendschriftenwerk

Farbige Titelblätter und schmissige Titel

Eine Ausstellung in der Zentralbibliothek Zürich thematisiert 75 Jahre «SJW-Heftli». Charles Linsmayer verfasste die Verlagsgeschichte.

Fabienne Riklin

Wer kennt sie nicht, die «SJW-Heftli»! Das vor 75 Jahren von Erziehungsbehörden und gemeinnützigen Institutionen gegründete Schweizer Jugendschriftenwerk SJW wollte die Jugend mit unterhaltsamer, anspruchsvoller und preisgünstiger Literatur versorgen. Seither sind Generationen von Kindern mit SJW-Publikationen aufgewachsen. Die Ausstellung in der Zentralbibliothek (ZB) folgt der Entwicklung von Verlag und Stiftung und eröffnet damit einen spannenden Blick auf ein Stück Schweizer Zeit- und Kulturgeschichte. Anhand von Original-Illustrationen, Erstausgaben, Manuskripten und wichtigen Dokumenten führt die Ausstellung durch die SJW-Geschichte. «Der Club der Spürnasen» von Fritz Aebli eröffnete 1932 zusammen mit elf weiteren Heften das Programm. Illustriert hat dieses erste Heft Gregor Rabinovich. Das originale Deckblatt können die Besucher in der ZB bewundern. Dass die Hefte wie die seichten Romane und «Revolverblätter», gegen die das SJW ankämpfte, farbige Titelblätter hatten und im selben Format gedruckt wurden, war nicht ganz ohne Hintergedanken. Wie die «Schmutzromane» lockte man die Kinder und Jugendlichen mit farbigen Titelblättern und schmissigen Titeln. Man vertrat damals die Ansicht, dass die Geschichten über Banditen und Fantasiewelten nicht gut für die Entwicklung der Kinder seien. Daher hatten die SJW-Heftchen zu Beginn nicht nur die Leseförderung zum Ziel, sie sollten die Kinder auch von den «Schundromanen» abbringen. Mit farbigen Titelblättern und spannenden Themen wird das Interesse der Kinder und Jugendlichen bis heute geweckt. Das SJW hatte zum Ziel, Kinder früh schon zum Lesen zu animieren, und knüpfte bei den Kindern im ersten Lesealter an.

Vorkriegs- und Kriegszeit

Einen weiteren «Erziehungsauftrag» sah das SJW in staatsbürgerlicher Hinsicht: Während der Vorkriegs- und Kriegszeit wurde sehr viel Nazipropaganda verbreitet, auch in Kinder- und Jugendbüchern. Das SJW setzte da ein Gegengewicht. In einer Vitrine ist zu sehen, wie die Schweiz mit Staatskunde-Heftchen den Kindern den geschichtlichen Hintergrund über die Schweiz während der Kriegsjahre vermittelte. Verstaubten, trockenen Geschichtsunterricht boten die SJW-Hefte aber auf keinen Fall. Eine grosse Zahl Schweizer Autoren und Illustratoren wie Evelyn Hasler, Franz Hohler, Hermann Hesse, Alois Carigiet, Meret Oppenheimer und viele andere haben mit ihren Arbeiten zum Erfolg des SJW beigetragen. Von Märchen, Comics, Erzählungen und Biographien bis hin zu Sachliteratur, Wissenschaft, Aufklärung und Prävention decken die SJW alle Sparten ab.

50 Millionen Hefte

Zum Jubiläum 75 Jahre Schweizerisches Jugendschriftenwerk findet in der ZB eine Ausstellung statt, und Charles Linsmayer veröffentlicht die Verlagsgeschichte unter dem Titel «Ein geistiges Rütli für die Schweizer Jugend». In der breiten Öffentlichkeit und bei Leuten ohne Kinder kaum mehr wahrgenommen, sind im letzten Jahr in den Schulhäusern der ganzen Schweiz noch immer 150 000 der kleinen farbigen Heftchen verkauft worden. Insgesamt sind seit 1932 knapp 50 Millionen Hefte in allen Landessprachen erschienen. Viele der 2300 Titel mussten mehrfach nachgedruckt werden. Einzelne Hefte, wie «Robinsons Abenteuer», erreichten eine Auflage von rund 900 000 Exemplaren. Die SJW-Hefte sind so günstig, dass ein Kind sich mit seinem Sackgeld etwas zum Lesen nach eigener Wahl erstehen kann. Nach der Ausstellung in der Zentralbibliothek wird die Ausstellung an weiteren Orten in der Schweiz gezeigt. Ausstellung im Katalogsaal der Zentralbibliothek Zürich bis 15. Januar 2007