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Susanne Deriex

Susanne Deriex Im Herbst 2006 ist erschienen:

Reprinted by Huber Nr. 24 Suzanne Deriex: «Das Kind und der Tod»/ «L'Enfant et la Mort». Roman.
In der Übersetzung von Irma Wehrli mit einem biographischen Nachwort von Marianne Ghirelli erstmals deutsch herausgegeben von Charles Linsmayer.
Mit einem Cover und einer Umschlagzeichnung von Ruedi Becker.
248 Seiten gebunden mit 16 Illustrationen, Fr. 39.-
ISBN 3-7193-1419-7
Huber Verlag, Frauenfeld

Das Buch:
«Es ist eines der schönsten Bücher über die Kindheit, das ich kenne», sagte Albert Cohen von Suzanne Deriex' Roman «L'Enfant et la Mort», der hier fast 40 Jahre nach der französischen Erstausgabe als erstes Werk der Autorin in deutscher Sprache vorliegt. Nach wie vor von unverbrauchter Frische, lässt uns «Das Kind und der Tod» ganz unmittelbar mit dabei sein, wenn ein gewitztes, aufgewecktes Mädchen die Welt der Erwachsenen für sich entdeckt und mit seinen kecken, im Grunde hoch philosophischen Fragen alle in Verlegenheit bringt.

Ein fast nur aus Dialogen bestehendes quicklebendiges Kindheitsbuch, das aller Fröhlichkeit zum Trotz von Anfang an vom Tod überschattet ist.

Mit «Das Kind und der Tod» erscheint, versehen mit einer Werkanalyse von Marianne Ghirelli, erstmals ein Buch von Suzanne Deriex in deutscher Sprache.

Die Autorin:
Suzanne Deriex
kam am 16.April 1926 als Arzttochter in Yverdon zur Welt. Mit zwölf Jahren verlor sie, wie sie später in «Das Kind und der Tod» erzählen wird, ihre Mutter. Nach der Matura studierte sie Theologie (u.a.. bei Karl Barth in Basel), dann Mathematik, verlor sich aber immer mehr an die Literatur. 1949 heiratete sie den Juristen Jean-Fran&ccdil;ois Piguet, den Neffen von C.F. Ramuz. Obwohl sie schon früh geschrieben hatte, debütierte debütierte Suzanne Piguet-Cuendet literarisch erst 1961 als Mutter von drei Söhnen unter dem Pseudonym Suzanne Deriex mit dem Roman «Corinne» - einer Liebesgeschichte zwischen einem Schüler und einer Lehrerin .1964 folgte der Roman «San Domenico», der sich sowohl als Psychogramm eines gefährdeten jungen Mannes, als auch als Thriller lesen lässt. Für den in diesem Band deutsch wiedergegebenen Roman «L'Enfant et la Mort» erhielt Suzanne Deriex 1968 den Prix Veillon. Befassten sich «Pour dormir sans rêves» (1980) und «L'Homme n'est jamais seul» (1983) engagiert mit sozialen Fragen, so gestaltete der 1986 publizierte Roman «Les sept Vies de Louise Croisier née Moraz» die Lebensgeschichte von Susanne Deriex' Grossmutter. Seit 1995 erschienen die ersten drei Bände der Romanserie «Un arbre de vie», an deren viertem Band Susanne Deriex in ihrem Haus in Cully am Genfersee heute trotz fast vollständiger Erblindung arbeitet. Im Mittelpunkt des epochalen Romans steht wieder eine frühe Verwandte der Autorin: Elisabeth, eine Tochter aus jenem Haus im thurgauischen Hauptwil, wo einst Hölderlin Hauslehrer war.


Pressestimmen

St. Galler Tagblatt; 24.11.2006; Seite 27
Kultur (Hauptblatt)
«Wenn niemand einen erwartet»
Suzanne Deriex: «Das Kind und der Tod» Buchvernissage in Hauptwil
«L'Enfant et la Mort» ist 1968 erschienen und hat den Prix Veillon gewonnen. Trotzdem ist die Autorin bis heute in der Deutschschweiz kaum bekannt. Nun liegt erstmals eine Übersetzung vor, sie wird in Hauptwil präsentiert.

Auf der literarischen Landkarte ist Hauptwil mit Hölderlin fest assoziiert. Und wenn nun die Buchvernissage des Romans «Das Kind und der Tod» der Waadtländerin Suzanne Deriex in Hauptwil stattfindet, so ist man mit Hölderlin gar nicht auf der falschen Fährte. Elisabeth Gonzenbach ist eine Vorfahrin Deriex', für Elisabeths Kinder wurde einst Hölderlin als Hauslehrer nach Hauptwil bestellt. Damals war der Mutter allerdings längst die Aufsicht über ihre Kinder entzogen worden, ihr Genfer Ehemann bezichtigte sie des Ehebruchs und der versuchten Vergiftung, Elisabeth hatte bei ihrer Schwester in Speicher Zuflucht gesucht. Das Schicksal von Elisabeth Gonzenbach am Ausgang des 18. Jahrhunderts, in einer Zeit der sozialen Unruhe, in der Adel und Bourgeoisie um Vormacht rangen, hat Suzanne Deriex fasziniert, sie verarbeitet es zu einer gross angelegten Familiensaga «Un arbre de vie», von der bisher drei Teile erschienen sind, am vierten arbeitet sie zurzeit.

Der tote Vogel

Auf deutsch übersetzt (von Irma Wehrli) liegt nun aber zunächst ein anderer Roman Deriex' vor: «L'Enfant et la Mort», das dritte Buch der Autorin, von 1968. Erschienen ist es in der Reihe Reprinted by Huber, die von Charles Linsmayer betreut wird. Die Hauptfigur ist Jeanne, und Elisabeth ist auf geheime Weise ihre ältere Schwester denn beide haben noch als Kinder ihre Mutter verloren. Jeanne ist am Anfang des Romans noch nicht schulpflichtig, sie ist der Wildfang der Familie, geht am liebsten barfuss, klettert auf Bäume und holt sich Schrammen. Sie sagt den Leuten unverhohlen, was sie denkt. Sie ist die Freche, schwer zu Zähmende, die meisten schütteln den Kopf über sie was Jeanne aber gar nichts ausmacht. Ihren Rückhalt hat sie bei der Mutter, die viel Liebe für sie aufbringt und ihr alles erklärt. Von Anfang an ist das Buch dunkel grundiert. Einmal liegt ein toter Vogel hinter Jeannes liebstem Baum. Ein andermal muss sie zuschauen, wie Mäuse einfach totgetrampelt werden. Die eine Grossmutter stirbt. Mit der anderen geht sie auf den Friedhof, um die Gräber der Verwandten zu pflegen. Dann wird die Mutter krank, liegt lange geschwächt im Bett. Jeanne tut alles, um ihr zu gefallen, sie wird die beste Schülerin, aber zum Spielen hat sie keine Lust mehr. Als die Mutter schliesslich stirbt, gerät Jeanne aus der Bahn. «Wenn niemand einen erwartet, kommt man immer zu früh.» Damit endet das Buch.

Mit Kinderaugen

Suzanne Deriex hat in «Das Kind und der Tod» ihre eigene Kindheitsgeschichte verarbeitet, sie verlor ihre Mutter im Alter von zwölf Jahren an einer Blutvergiftung. Aber es liegt nicht daran, dass dieser Roman beim Lesen so anrührt. Es ist vielmehr das Einfühlen in diese Kinderseele, womit die Autorin überzeugt. Jeanne nimmt die Welt mit Kinderaugen wahr und stellt kindliche Fragen, wie: «Stirbst Du einmal zur gleichen Zeit wie Papa?» Dass sie das Trottinett des Bruders geschenkt bekommt, steht für sie fast gleich wichtig neben dem heiligen Ernst, mit dem sie den katholischen Priester davon zu überzeugen versucht, dass die Reformierten die Bibel richtig lesen. Besonders schön sind die Passagen, in denen sie sich überlegt, dass sie gar nicht allen gefallen will. «, seufzt Grossmama aus Villette. Bei dem Seufzer richtet Jeanne sich stolz auf. Also kann sie es mit ihrem Bruder beinahe aufnehmen. Und wird nicht zu Hause bleiben wie Michou, wenn sie einmal gross ist; sie wird Staudämme, Strassen und Brücken bauen.» Suzanne Deriex ist die heikle Gratwanderung gelungen, ein Kind als Kind darzustellen und trotzdem existenzielle philosophische Fragen ins Spiel zu bringen. Ein Roman über den Tod der Mutter war nicht geplant, Deriex hatte angefangen mit Skizzen zu einer Satire auf ihre Geburtsstadt Yverdon. Doch dann drängte sich die Todesthematik in den Vordergrund, sie begann neu. Die Arbeit am Roman hatte eine unverhoffte Wirkung, wie sie im Nachwort erzählt: «Bis anhin war ihr Verlust ein absolutes Tabu gewesen, über das man nicht sprechen durfte. Wenn Bekannte die Mutter in aller Unschuld erwähnten, ergriff sie die Flucht und ging diesen Leuten von da an aus dem Weg.» Nach der Niederschrift war dieses Tabu gebrochen. Marianne Ghirelli hat für ihr biografisches Nachwort ausführlich mit der Autorin gesprochen, und sie macht Inhaltsangaben und Würdigungen zu allen Büchern Deriex'.

Unermüdlich am Schreiben

Dieses Nachwort reiht «Das Kind und der Tod» in das Werk von Suzanne Piguet-Cuendet ein, die 1926 in Yverdon geboren wurde, heute in Cully am Genfersee lebt und als Literatin das Pseudonym Suzanne Deriex angenommen hat. Debütiert hat die Mutter von drei Söhnen 1961 mit «Corinne», bisher umfasst ihr Schaffen sechs Romane sowie die Familien-Trilogie. Ausserdem hat Deriex mehrere Hörspiele geschrieben. Seit Jahren ist die Autorin mit zunehmender Erblindung konfrontiert, trotzdem hat sie umfangreiche Recherchen in der Familiengeschichte angestellt, um die Geschichte von Elisabeth Gonzenbach weiterzuschreiben. In Hauptwil war sie dazu öfter, und sie wird auch zur Buchvernissage von «Das Kind und der Tod» dem Ort ihrer Vorfahrin einen Besuch abstatten.

Suzanne Deriex: Das Kind und der Tod. In der Übersetzung von Irma Wehrli, mit einem Nachwort von Marianne Ghirelli, erstmals auf deutsch herausgegeben von Charles Linsmayer. Reprinted by Huber Band 23. Verlag Huber, Frauenfeld 2006, Fr. 44.
Eva Bachmann

St. Galler Tagblatt; 27.11.2006; Seite 43
TG-Bischofszell
Einblick in eine Kinderseele
Suzanne Deriex sprach im Schloss Hauptwil über ihr Buch «Das Kind und der Tod».
Fast unmerklich schreibt Suzanne Deriex in «Das Kind und der Tod» über den Verlust. Und fast unsichtbar führen die Fäden des Romans nach Hauptwil.

«So leicht, so schmetterlingsleicht hat noch niemand über den Tod geschrieben», sagte Charles Linsmayer, Herausgeber von «Das Kind und der Tod», am vergangenen Freitag in Hauptwil in seiner Laudatio an die Autorin. Der Leser merke fast nicht, dass er eine Todesschule rezipiert, so leicht und unbeschwert sei der Roman erzählt. Dabei war ein Buch über den Tod nicht geplant gewesen. Eigentlich wollte Suzanne Deriex eine Satire über Yverdon schreiben. «Die Geschichte über den Tod ist zu mir gekommen», sagte Suzanne Deriex im Schloss Hauptwil. So ergehe es ihr oft, wenn sie schreibe. Sie lasse sich von der Entwicklung des Romans überraschen. «Das Kind und der Tod» ist aber mehr als eine Todesschule. Der Roman gewährt Einblick in eine Kinderseele. Einfühlsam und voller Liebe schildert Deriex den Alltag aus den Augen eines Kindes und flechtet geschickt existenzielle Fragen in die vordergründig naiven Beobachtungen des Kindes ein. Dabei zeichnet Deriex die Figur der Jeanne als emanzipiertes Kind, das die Arroganz der Erwachsenen mit kindlichem Enthusiasmus entlarvt. «Die Erwachsenen ärgern sich, wenn man sagt, was man denkt», stellt das Kind beispielsweise fest. Verbindung zu Hauptwil Jeanne, die Protagonistin aus «Das Kind und der Tod», habe Deriex als eine fiktive Figur entworfen. Doch 20 Jahre nach Erscheinen der französischen Fassung des Romans habe sie festgestellt, dass sie mit Jeanne eigentlich die Geschichte Elisabeth Gonzenbachs erzählte. Elisabeth Gonzenbach lebte im ausgehenden 18. Jahrhundert in Hauptwil und ist eine entfernte Verwandte Deriex'. Gonzenbachs Lebensgeschichte hat Suzanne Deriex in der Trilogie «Un arbre de vie» verarbeitet. Zurzeit schreibt die beinahe erblindete Deriex an einem vierten Teil der Familiengeschichte.

Die kleine Jeanne weist Ähnlichkeiten mit der Autorin selbst auf. Auch Deriex hat ihre Mutter früh verloren. In «L'Enfant et la Mort» verarbeitet sie diesen Verlust. Der Roman ist 1968 in französischer Sprache erschienen und wurde damals mit dem Prix Veillon ausgezeichnet. In diesem Jahr wurde das Buch als erstes von Deriex' Werken auf Deutsch übersetzt herausgegeben. «Dass dies erst heute geschehen ist, ist ein schlechtes Zeichen für die literarische Beziehung zwischen der Romandie und der Deutschschweiz», rügte Charles Linsmayer in Hauptwil. Der Herausgeber ist für Suzanne Deriex von seiner Praxis abgewichen, nur Werke bereits verstorbener Autoren zu veröffentlichen. Am Freitag las die Schauspielerin Gisela Zoch-Westphal aus der deutschen Übersetzung von «L'Enfant et la Mort». Irma Wehrli, die den Roman auf Deutsch übersetzt hat, las am Freitag einige Passagen auf Französisch. Anschliessend führte sie mit der Autorin ein Podiumsgespräch. Viele der rund 70 Besucher der Lesung konnten selbst eine Verbindung zu den Gonzenbachs vorweisen und diskutierten diese ausführlich während des Apéros nach der Lesung.

Befragt/Interview mit Suzanne Deriex

Das Leben als Ganzes
Frau Deriex, was verbindet Sie mit Hauptwil?
Ich fühle mich hier in Hauptwil zu Hause. Hier im Schloss kommt es mir vor, als wäre ich in meinem Zimmer in Yverdonne. In der Kapelle da unten wurde mein Ururururur-Grossvater getauft.
Sie sind fast blind. Wie können Sie so als Schriftstellerin arbeiten?
Es ist ein Horror. Aber ich habe viele Menschen, die mir helfen. Dafür bin ich ihnen äusserst dankbar. Oft gelangen einfach neue Dokumente an mich, ohne dass ich mich darum bemüht habe. Vieles fällt mir einfach vom Himmel zu.
Welches sind Ihre grossen Themen, über die Sie schreiben?
Meine grossen Themen haben sich im Laufe der Zeit geändert. Das erste Buch war eine Liebesgeschichte. Dann folgte eine Auseinandersetzung mit dem Tod. Heute schreibe ich über das Leben als Ganzes.
Schreiben Sie aus einer inneren Notwendigkeit heraus?
Schreiben ist für mich ein Prozess. Ich verdichte meine Gedanken auf das, was ich sagen will. Manchmal schreibe ich zehn Seiten, werfe neun davon weg und von der übrig bleibenden Seite bin ich mit einzelnen Sätzen zufrieden.
Marina Winder