Aline Valangin 1889–1986

Es vermittelt den Eindruck vieler, die sie kannten, was Eveline Hasler 2000 in «Aline und die Erfindung der Liebe» den Tessiner Schuljungen Luca empfinden lässt, als er Aline Valangin zusammen mit Ignazio Silone baden sieht: «‹Das Paradies›, dachte er. ‹Wer mit ihr zusammen ist, ist glücklich.›» Eveline Hasler, die neben Silone auch Kurt Tucholsky und Ernst Toller als verliebte Gäste in deren Castello della Barca in Comologno porträtiert, war nicht die Erste, die Aline Valangin zur Romanheldin machte. Schon 1944, in «Carolin», hat ihr auch einer ihrer Liebhaber, Rudolf Jakob Humm, ein Denkmal gesetzt. Sie heisst da zwar Gania, aber es ist klar, dass sie es ist, die den verknorzten schriftstellernden Intellektuellen Carolin Muhr mit lebensvollen Geschichten aus dem Alltag der Dorfbewohner zu einer realistisch-bildhaften Erzählweise bekehrt. Auch in Humms eigenem Werk spürt den Einfluss der genuinen Erzählerin, wer das spröde «Linsengericht» von 1928 mit dem betörend sinnlichen Roman «Die Inseln» von 1936 vergleicht. Aline Valangin hiess in Wirklichkeit Aline Rosenbaum-Ducommun, kam am 9. Februar 1889 in Vevey zur Welt und starb am 7. August 1986 in Ascona. Sie hatte sich zur Konzertpianistin ausbilden lassen und war von C. G. Jung zur Psychoanalytikerin geschult worden. Zusammen mit Wladimir Rosenbaum gewährte sie im Zürcher Baumwollhof und in Comologno Verfolgten des Faschismus Unterschlupf. Ursprünglich Lyrikerin in französischer Sprache, trat sie 1937 mit den deutsch geschriebenen «Geschichten vom Tal» auch selbst mit Eindrücken vom Onsernone an die Öffentlichkeit: kleine, virtuose Kabinettstücke, konventionell geschrieben, aber echt und unsentimental empfunden. «Diese Bernerin hat Format», beendete Rudolf Jakob Humm mit gut gespielter Ahnungslosigkeit seine Rezension, «hoffentlich hört man bald wieder von ihr.» Und wirklich: Der Erfolg des Erstlings gab Aline Valangin, die mit ihrem zweiten Mann, dem Komponisten Wladimir Vogel, bald einmal definitiv ins Tessin zog, den Mut, sich auch weiterhin auf Deutsch zu versuchen. Und je mehr sie schrieb, umso weiter entfernte sie sich von der Perspektive der aussenstehenden vornehmen Schlossherrin, bis sie schliesslich mit Romanen wie «Die Bargada» und «Casa Conti» das Paradox für sich beanspruchen durfte, eine legitime, glaubwürdige, regional verwurzelte und sozial engagierte Vertreterin der Tessiner Literatur in deutscher Sprache zu sein. Aber sie hatte nicht nur den «Tessiner Blick», sie hatte auch Mut. So griff sie schon kurz nach 1945 das heisse Eisen der verfehlten Schweizer Asylpolitik auf und stellte unter dem Titel «Dorf an der Grenze» romanhaft dar, wie bedrohte Flüchtlinge abgewiesen wurden. Grund genug, dass dieses Buch, eines ihrer besten, zu jener Zeit nicht einmal bei der linken Büchergilde Gnade fand und erst 1982 veröffentlicht werden konnte! Peter Kamber hat 1990 die «Geschichte zweier Leben: Wladimir Rosenbaum und Aline Valangin» geschrieben, verdient doch neben Aline Valangin unbedingt auch Wladimir Rosenbaum das Interesse und die Achtung der Nachwelt. Er war ein unbestechlicher Nazigegner, musste aber ins Gefängnis und verlor sein Anwaltspatent, als er 1937 die rechtmässige spanische Regierung mit Flugzeugen, unter anderem den zwei ausgemusterten «Lockheed Orions» der Swissair, belieferte.