Erica Pedretti *1930

Kurz bevor sie aufhörte, ein Kind zu sein, hat Anna sich geschworen, das, was sie jetzt fühlte und dachte, wie ein Kind fühlt und denkt, nie zu vergessen.» Der Satz stammt aus Erica Pedrettis Roman «Engste Heimat», den Elsbeth Pulver als deren «Opus magnum» bezeichnet hat. Diese Anna aber ist die Autorin selbst, und was sie sich vornahm, sollte für ihr ganzes Werk gültig sein. Jenseits aller Erwachsenenlogik ist ihr Schreiben immer frei schwebend assoziativ und offen geblieben: wie nach Kinderart gedacht und deshalb auf eine Weise modern, die den nach wie vor im Trend liegenden Realismus der übrigen Deutschschweizer Prosa alt erscheinen lässt. Blosse Artistik aber ist die assoziative Erzähltechnik nie geworden, machte sie es Erica Pedretti, die am 25. Februar 1930 im mährischen Sternberg als Tochter Deutsch sprechender Eltern zur Welt kam, doch möglich, die Dinge auch dann noch zu sagen, wenn sich ihr eine realistische Darstellung verbot. Das gilt für die traumatischen Erlebnisse, die sich ihr bis 1945, als sie als «displaced person» in die Schweiz floh, einprägten, ebenso wie für all die anderen, noch aktuellen Monstrositäten, die sie seit 1999 in einer eigenwilligen Kombination von Kunst und Literatur auf Zeitungsblättern und Fotografien protokolliert. Wie ihr Mann, Gian Pedretti, dem sie 1952 nach Celerina folgte, war Erica Pedretti ursprünglich Künstlerin, sie debütierte erst 1970, als Mutter von fünf Kindern, mit «Harmloses, bitte» literarisch. «Ich wollte mich nur mit solchen Sachen abgeben, die niemand verletzen, die zu nichts Argem führen, aber selbst ein grosser Teil der Gartenblumen ist giftig», heisst es in diesem Band, in dem sich die Schrecken der Kindheit immer wieder zwischen die Harmlosigkeiten des Engadiner Alltags drängen. Und nicht anders geschieht das im Roman «Heiliger Sebastian» (1973) und in «Veränderung» von 1977, womit dann aber mit der literarischen Kindheitsverarbeitung definitiv Schluss sein sollte. 1974 war Erica Pedretti mit ihrem Mann nach La Neuveville am Bielersee gezogen, wo sie auch heute noch lebt und über dem Städtchen in einem Wohnwagen arbeitet. Zehn Jahre später errang sie mit einer Erzählung aus «Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge» den Ingeborg-BachmannPreis, 1986 legte sie mit «Valerie oder Das unerzogene Auge» eine bewegende Hommage an die von Hodler auf dem Totenbett gemalte Valerie Godé-Darel vor. Bis 1991 der Jugoslawienkrieg ausbrach und die verdrängten Kindheitsbilder unvermittelt wieder da waren. Nach zwei Reisen nach Tschechien erschien 1995 der Roman «Engste Heimat», in dem sich Gegenwart, Erinnerung, Dialog und innerer Monolog zu einem eindringlichen Puzzle verbinden. Noch radikaler aber funktioniert der eng damit verwandte Roman «Kuckuckskind» von 1998, in dem im Bewusstsein einer Sterbenden die Wirklichkeit immer mehr in Fragmente zerfällt, bis sie völlig erlischt. 2010 hat Erica Pedretti, nachdem sie sich ganz auf ihre künstlerischen Arbeiten zurückzuziehen schien, eine weitere Erzählung vorgelegt. «Fremd genug» heisst sie und schlägt nochmals die Brücke zu jenen Anfängen 1945 in Zürich, als die Fremdenpolizei die Kunstgewerbestudentin alle drei Monate fragte: «Sind Sie denn noch immer da?»