Felix Moeschlin

Felis Moeschlin, der SSV und die Flüchtlinge

Als der Basler Felix Moeschlin, Verfasser der Grenzbesetzungsromanze «Wachtmeister Vögeli» und des schwedischen Bauernromans «Der Amerika-Johann», ehemals Kurdirektor von Arosa, 1924 Robert Faesi als Präsident des Schweizerischen Schriftsteller-Verbands SSV nachfolgte, trat ein Mann an die Spitze dieses Interessenverbands, der für eine Erneuerung der Gesellschaft aus den agrarisch-ländlichen Traditionen heraus eintrat und dem eine gewisse rückwärtsgewandte Zivilisations- bzw. Intellektuellenfeindlichkeit eigen war.
Eine Tendenz, die in sehr viel radikalerer Weise auch der italienische Faschismus vertrat, weshalb es nicht verwundert, dass Moeschlin nach Mussolinis italienischer «Revolution» Sympathien zur neuen Bewegung entwickelte.
1928 reiste er an eine Urheberrechtskonferenz nach Rom und wurde mit andern Teilnehmern zusammen vom Duce in Audienz empfangen. Darüber schrieb er am 24.Mai 1928 seiner Frau: «Nachmittags 5 Uhr bei Mussolini. Prächtiger Palast, grosser Garten in einem Park. Palmen, Pinien, eine ganze Welt. Aber froh konnte man nicht werden. Er war wie auf der Photographie, lächelte freundlich und hatte glänzende Augen, wenn er einem die Hand drückte. Aber vom Portal an der Strasse bis zur Türe des Palastes standen schwarze Faschisten mit dem Dolch im Gürtel, schwarz von oben bis unten, mit Stiefeln wie in Russland, und das Ganze wirkte russisch. Nein, froh wurde ich nicht. Ich sympathisiere mit vielem, was er tut und tun will (Landwirtschaft, Kinderzahl), das weisst Du. Aber wenn das bloss mit der Waffe in der Hand verwirklicht werden kann, dann mag es lieber ungetan bleiben!»*1
Das muss sich Moeschlin in den folgenden Jahren nochmals überlegt haben, denn in der literarischen Ausgestaltung dieses Erlebnisses im 1931 bei Francke in Bern erschienenen Roman «Barbar und Römer» sind auch die Vorbehalte gegenüber einer gewaltsamen Durchführung der faschistischen Zielsetzungen verschwunden. Der Protagonist dieses Romans, der Schweizer Intellektuelle Dr. Martin, ist begeistert für die «Durchführung einer Planwirtschaft, die nicht vor Taten, das heisst vor korporativer Ausgestaltung und Führerschaft zurückschreckt». Als Mitglied einer Verhandlungsdelegation reist Dr. Martin – ebenfalls 1928 – nach Rom. Seltsamerweise gelingt es da aber einem schwedischen Konferenzteilnehmer, den Schweizer von der Gefährlichkeit des Faschismus zu überzeugen und ihn dazu zu bringen, in «schicksalsgewollter Mission» einen Mordanschlag auf Mussolini zu tätigen, um die Ermordung des Sozialisten Matteotti zu rächen. Dr. Martin nimmt eine Pistole in die Audienz, ist von der Persönlichkeit des Duce aber derart bezaubert, dass er den Plan fallen lässt und zum bedingungslosen Anhänger seiner Lehre wird. Schlagartig erkennt er: «Ich kann nicht gegen dich sein, und trügst du die Schuld am Tode Tausender. Und ich schäme mich meiner Niederlage nicht, denn wie könnte ich die Waffe erheben gegen den, der das Unmögliche will. Muss ich jenen nicht lieben, der das Unmögliche zu verwirklichen sucht? Ordnung schaffen willst du in dieser Welt, und ich soll nicht mit dir sein? Einen Wahnsinnigen nennen sie dich. Oh, dass es einen gibt, der wahnsinnig genug ist, die Freude am Kinde zu predigen, da alle Angst haben, Kinder zu zeugen. Dass es einen gibt, der Weizen sät zwischen den Steinen, da kein Mensch mehr an den Boden glaubt. (…) Dass es einen gibt, der den vermessenen Mut predigt und die gefährliche Grösse und den Glauben an sich selber, an sein eigen Blut. Und wenn dein Wollen tragisch ist, weil du das Unmögliche willst, umsomehr will ich mit dir gehen, hättest du auch alle Sünden begangen, derer man dich beschuldigt. Denn ich ahne jetzt eine Gerechtigkeit, die über jener Gerechtigkeit ist, die Blut und Tränen zählt, und ich beuge mich befreit.»
MoeschIins Dr. Martin erwacht zwar später wieder aus seiner Berauschung und erkennt, dass der Faschismus nur ein Teil der Wahrheit sei und dass es für schweizerische Verhältnisse gelte, «das Wesentliche und das Gute des Faschismus mit der Demokratie zu vermählen». Als er nochmals nach Rom zurückkehrt, wird er aber schliessich noch zu einem Märtyrer der «Bewegung». Auf einer Kommunisten-Versammlung will er «das Positive» am Faschismus verteidigen und wird deshalb von den Kommunisten so schwer misshandelt, dass er einige Zeit später in einem Schweizer Spital stirbt. Zuletzt hatte er sich noch als ein «Gegenstück zu Matteotti» gesehen: beide besassen sie nur einen Teil der Wahrheit, für welche die Stunde noch nicht gekommen sei. «Wir sind viel zu früh», erklärte der Sterbende einem Freund, «es handelt sich nur um die Macht. Wer siegt, hat recht. Und wenn die Kommunisten siegen, dann haben sie recht. Die Wahrheit kommt erst viel später.»
Man könnte «Barbar und Römer» als Dokument für die Faszination, welche der Faschismus auf einen verunsicherten Literaten damals auszuüben imstande war, beiseitelegen, wenn die Politik des SSV, die Moeschlin als dessen Präsident entscheidend mitbestimmte, in den dreissiger und frühen vierziger Jahren nicht genau jene «Gerechtigkeit» praktiziert hätte, die «Blut und Tränen» nicht mehr «zählt».
Als im Frühling 1933 die ersten Verfolgten des NS-Regimes in der Schweiz eintrafen und unter ihnen aus naheliegenden Gründen überdurchschnittlich viele Redaktoren und Schriftsteller waren, trafen sie nicht nur auf eine gut vorbereitete eidgenössische und kantonale Polizei, die sie um schleunigste Weiterreise in ein Drittland «bat», erlebten sie nicht nur die Gleichgültigkeit und Fremdenfeindlichkeit der breiten Öffentlichkeit, sondern auch die kaum verhüllte Feindseligkeit jener, die sich in erster Linie um sie hätten kümmern müssen: der Schweizer Schriftsteller und ihrer Standesorganisation. Die Emigranten, es sei denn, es handelte sich um Koryphäen wie Thomas Mann, gerieten in eine Isolation, wie sie sich sie niemals hätten vorausdenken können, als sie in die «noch freie Schweiz» eingereist waren. Waren dies denn nicht alles Vaterlandsverräter, treulose Gesellen, Tendenzschriftsteller, städtisch-internationalistische Intellektuelle und Stänkerer, womöglich sogar Kommunisten, die es aus eigener Schuld mit ihrem Vaterland verdorben hatten? Und würden ihre durch Sensationshascherei zu Unrecht erlangten bekannten Namen nicht dem eigenen Ruhm vor der Sonne stehen?
Eduard Korrodi gab am 21.1.1936 in der NZZ das Stichwort, als er Leopold Schwarzschilds Auffassung, es sei inzwischen «fast die ganze Literatur eines Landes» ins Ausland abgewandert, als «Aberwitz» bezeichnete, davor warnte, die «deutsche Literatur mit derjenigen jüdischer Autoren» zu identifizieren, und ausrief: «Was ist denn ins Ausland transferiert worden? Etwa die deutsche Lyrik, die Herrlichkeit der Gedichte Rud. A. Schröders? Wir wüssten nicht e i n e n Dichter zu nennen. Ausgewandert ist doch vor allem die Romanindustrie und ein paar wirkliche Könner und Gestalter von Romanen. Betrachten sich diese als das Nationalvermögen der deutschen Literatur, dann ist es allerdings erschreckend zusammengeschrumpft …» Korrodis Schlusssatz von einer Emigrantenliteratur, welcher «der Hass lieber ist als das Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit», machte Schule. Obwohl sich Thomas Mann am 3.2.36 in seinem berühmten offenen Brief gegen den «NZZ»-Feuilletonchef und vor seine emigrierten Schriftstellerkollegen stellte, tönte es im Jahr darauf im «Bund» noch wesentlich misslicher als bei Korrodi. Dort empfahl Albert Bettex am 17.10.37 den Emigranten schulmeisterlich, aus ihrem Schicksal «die eine grosse Hauptaufgabe abzuleiten: die beste, universale deutsche Kulturtradition lebendig und schöpferisch und in freierer Umwelt weiterzubilden und für die Gegenwart fruchtbar zu machen – so wie die besten Schriftsteller im Reich es unter wenigstens politisch weniger günstigen Umständen tun. Schriftsteller dieser nicht allzu zahlreichen Art werden weit vor allen andern erwarten dürfen, dass sie in ihren Gastländern willkommen sind.»
Um als Emigranten akzeptiert zu werden, sollten diese Menschen, die ihre Heimat in ohnmächtiger Wut einer verbrecherischen Clique hatten überlassen müssen, also schöne Verse und zeitlose Literatur im Sinne einer «universalen deutschen Kulturtradition» fabrizieren! Und welches diese «Tendenzschriftsteller» waren, deren Identität Korrodi wohlweislich verschwiegen hatte: der «Bund» nannte sie ungeniert beim Namen: «Kennzeichnend dafür ist fast alles, was der hasserfüllte Heinrich Mann, was Bert Brecht, E. E. Kisch, Alfred Kerr u. a. seit der Auswanderung geschrieben haben. Unvermindert ist die Betriebsamkeit dieser Kreise. Sie zeigt sich insbesondere in einer wenigstens der Menge nach erstaunlich reichen Produktion, in unentwegten journalistischen und verlegerischen Unternehmungen, in grossenteils lobenden Buchbesprechungen auf Gegenseitigkeit.»
1936 gab es bereits eine ganze Reihe von Anzeichen dafür, dass der «Betriebsamkeit dieser Kreise» in der Schweiz ein kräftiger Riegel vorgeschoben wurde. Um mit den «verlegerischen Unternehmungen» zu beginnen: bereits 1935 hatte eine Intrige der Schweizer Verleger und Eduard Korrodis verhindert, dass sich Gottfried Bermann-Fischer mit dem traditionsreichen S. Fischer-Verlag in Zürich niederlassen konnte. Hermann Hesse schrieb damals an Herbert Steiner: «Soeben hat man, wie es scheint, nach langen sorgfältigen Intriguen meinen Verleger Bermann in Zürich unmöglich gemacht. Wegen Gefahr der ,Überfremdung’. Vielmehr weil er Jude ist. Einen Mann, der die beste deutsche Verlagsproduktion mitbringt …» Als sich kurze Zeit darauf der Verleger Hermann Brochs, Daniel Brody, Leiter des Rhein-Verlags, in der Schweiz niederlassen wollte, erging es auch ihm nicht anders. Der SSV wurde von der Bundespolizei um Stellungnahme gebeten, und dieser stellte dann «Bedingungen» wie die folgenden: Brody müsse «zu 50% Schweizer» in seinem Verlag beschäftigen, er müsse ein «kulturell wertvolles, in seiner Tendenz schweizerisches» Verlagsprogramm vorlegen und den Nachweis erbringen, dass es ihm möglich sei, seine Bücher auch in Deutschland zu verkaufen. Wörtlich heisst es dann: «An der Schaffung eines neuen Emigrantenverlages haben wir kein Interesse.» Brody wurde auf dieses SSV-Gutachten hin die Niederlassungsbewilligung verweigert, und auf die gleiche Weise verhinderte man auch die Niederlassung des Verlags «Die Runde», scheiterte das Projekt einer eigentlichen deutschen Exilzeitschrift.
Nicht zuletzt aber stiess der SSV eine ganze Reihe von Schriftstellern, die in der Schweiz eine Überlebensmöglichkeit suchten, mittels seiner Gutachtertätigkeit aus kaum je verhehlten Konkurrenzgründen zurück und gab sie der Polizei mit allen Folgen, die das für die Beteiligten haben konnte, zur «Ausschaffung» frei.
Das Verhalten der Polizeibehörden unter Heinrich Rothmund war in bezug auf die Schriftsteller sicher nicht brutaler und unmenschlicher als in bezug auf die Gesamtheit der Flüchtlinge – der Bekanntheitsgrad oder die Redegewandtheit dieser Kategorie Asylanten gaben ihnen vielleicht sogar grössere Chancen, Gnade zu finden, als dies unbekannten oder in Sachen Argumentation unbeholfenen Leidensgenossen möglich war. Dass der Polizei für diesen Spezialbereich jedoch im Schriftstellerverein eine Standesorganisation beratend zur Seite stand, welche den Eigennutz weit über die Menschlichkeit stellte und in einer beträchtlichen Zahl der ihr unterbreiteten «Fälle» unter Vorgabe von höchst fragwürdigen ästhetisch-literaturkritischen Motiven zur Ausweisung der Betroffenen riet, das zeugt von einem für geistig tätige Menschen einmaligen Zynismus und stellt für die Deutschschweizer Literatur unseres Jahrhunderts eine schwere moralisch-sittliche Belastung dar.
Mit Formulierungen wie: der Petent sei «einer der jüdischen Vielschreiber, die in Anlehnung an die Zeitströmungen über alles und jedes in die Berliner Zeitungen geschrieben haben» (zu Max Hochdorf, 22.1.37), es könne uns «nur schaden, wenn die früheren Reichsdeutschen ihren Kampf gegen das Dritte Reich von der Schweiz aus» führten (zu Golo Mann, 24.8.39), «da wir alles Interesse daran haben, unsere geistigen Kämpfe unter uns (d.h. also ohne Mithilfe von Ausländern) auszufechten» (zu Otto Nebel, 25.5.38), «weil sein Schaffen nicht von derartiger Bedeutung ist, dass es eine wirkliche Bereicherung des geistigen Lebens unseres Landes darstellt» (zu Alfred Polgar, 30.6.38), «es handelt sich um Unterhaltungsliteratur ohne bleibenden Wert» (zu Otto Schmidt-Ellrich, 26.7.35), «die Genannte hat ihren Aufenthalt in der Schweiz dazu benützt, um den schweizerischen Schriftstellern ernsthaft Konkurrenz zu machen und sich in unerwünschter Weise in unser literarisches Leben einzumischen, …ihre Werke halten aber einer strengen Kritik nicht stand, sie sind für den Tag geschrieben, undichterisch und oft etwas oberflächlich» (zu Victoria Wolf, 17.6.38) wurde der Fremdenpolizei bzw. den Arbeitsämtern in SSV-Gutachten geraten, den in die Schweiz geflüchteten Schriftstellern die Aufenthalts- bzw. Arbeitserlaubnis zu verweigern oder zu entziehen. Nicht einmal Robert Musil entging den «Bedingungen», die der SSV fast jedesmal auch an ein positives Gutachten knüpfte. So forderte der SSV am 24.1.39 gegenüber der Eidg. Fremdenpolizei, Musil müsse sich verpflichten, in der Schweiz weder an Zeitungen noch Zeitschriften mitzuarbeiten, keine Stelle als Lektor oder Redaktor anzunehmen und auf Vorträge im Radio und in Gesellschaften zu verzichten.
Natürlich, es gab auch Emigranten, die dableiben und schreiben durften. Thomas Mann zum Beispiel, den bei seiner Ankunft ein Telephon-Anruf Bundesrat Mottas begrüsst hatte, und der 1934 in einer Radio-Rede die Schweiz als «einen politischen Glücksfall, etwas wie ein europäisches Wunder, an dem gerade heute die hoffenden Blicke aller hängen, die unter dem Elend des Erdteils leiden», angesprochen hatte; oder Georg Kaiser und Erich Maria Remarque. Aber Thomas Mann, der noch 1934 hatte Schweizer werden wollen, nahm schliesslich die tschechische Staatsbürgerschaft an und emigrierte nach den USA, auch Erich Maria Remarque verliess die Schweiz von selber wieder. Georg Kaiser blieb und wurde sogar im Zürcher Schauspielhaus gespielt. Aber wohl fühlte auch er sich in der Schweiz nicht. 1940 schrieb Julius Marx an Thomas Mann und bat ihn, für Kaiser eine Möglichkeit zur Einreise in die USA zu suchen: «Ich persönlich habe den Eindruck dass Herr Kaiser in einem derartigen Zustand nervöser Überreizung angelangt ist, dass man alles zu befürchten hat, wenn ihm nicht bald Gelegenheit geboten wird, in ein freies Land zu kommen – in ein Land zu kommen, in dem er alles das aufschreiben und mitteilen kann, was im Kampf gegen die Nazipest und im Interesse einer späteren Generation ihm wesentlich scheint.»
«Gegen Ende des Jahrzehnts verschwanden die Emigranten», schreibt R. J. Humm im Bericht über sein Zürcher «Rabenhaus», wo in den dreissiger Jahren auch die Exilschriftsteller immer willkommen gewesen waren. Dieses «Verschwinden» bedeutet: vom 12.März 1940 an wurden jene noch frei lebenden Flüchtlinge, welche nicht den Sonderstatus von eigentlichen Emigranten zuerkannt bekommen, aber auch noch keine Möglichkeit zur Weiterreise gefunden hatten, «interniert». Hans Mayer, dem das Schicksal nicht erspart blieb, hat in seinem Buch «Ein Deutscher auf Widerruf» berichtet, wie er als Internierter die Zuchthäuser von Witzwil und Lenzburg kennenlernte. Der Lyriker Jakob Haringer erlebte das Zuchthaus von Bellechasse. In seinem Bericht über diesen Aufenthalt, zitiert Wulf Kirstens Haringer-Gedichtsammlung «In der Dämmerung gesungen» von 1982, schrieb er: «In diesen schrecklichen Monaten habe ich 20 Kilo abgenommen, fünf Zähne sind mir ausgefallen, und meine Leiden (siehe Arztatteste) haben sich verschlechtert, von den Seelenqualen, denen ich dort ausgesetzt war, ganz abgesehen … Ich war unter strengstes Zuchthausreglement gestellt, jedoch hatten die eigentliehen Verbrecher den sogenannten ,politischen' gegenüber viele Vorteile. Wochenlang hatten wir Spazierverbot. Dabei schwebte die Angst über uns, entweder nach Frankreich (besetztes Frankreich) oder nach Deutschland abgeschoben zu werden.»
Die Ausschaltung der potenten schreibenden Exilanten ist das eine, das opportunistische Bemühen, den deutschen Absatzmarkt auch unter dem Diktat der NS-Gewaltigen nicht aufgeben zu müssen, das andere, nicht weniger penible Kapitel der SSV-Geschichte jener Jahre.
Schon gleich nach Errichtung der NS-Diktatur, als die Flüchtlinge zu Tausenden über die Grenze drängten, bemühten sich SSV-Präsident Felix Moeschlin und SSV-Sekretär Karl Naef erfolgreich darum, dass ihre Mitglieder in Deutschland, ohne dieser noch speziell beitreten zu müssen, die gleichen Vorteile und Rechte erhielten wie die Mitglieder von Goebbels’ «Reichsschrifttumskammer». Ende 1933 verhandelten Moeschlin und Naef darüber in Berlin, und was der SSV-Präsident darüber seiner Frau schrieb, tönt angesichts der zu gleicher Zeit den Emigranten gegenüber praktizierten Politik wie blanker Hohn. «Ich sprach ganz offen», heisst es im Brief aus Berlin vom 29. 11. 33. «Du hättest dabei sein sollen, als ich mich als nordischer Mensch präsentierte. Sie vernehmen hier wohl nicht viele derartige aus Ernst und Humor gemischte Reden. Der entscheidende Mann, Goebbels rechte Hand auf diesem Gebiet, Dr. Wissmann, ist ein sehr intelligenter Mensch. Morgen wird das Protokoll wohl unterzeichnet, dann noch einige Kleinigkeiten. Ergebnis: Ein Mitglied des Schweizerischen Schriftsteller-Vereins ist in jeder Hinsicht einem Mitglied des Reichsverbandes Deutscher Schriftsteller gleichgestellt (ein Schweizer muss also nicht Mitglied der Reichsschrifttumskammer werden, wie es zuerst verlangt worden ist!). Ich bin glücklich. Ein Stein ist mir vom Herzen gefallen. Jetzt kann man wieder an die Kunst denken!»
Wie «offen» Moeschlin und Naef sich damals den NS-Kulturbeamten gegenüber verhielten, zeigen u. a. die Unterlagen, die sie nach Berlin mitnahmen und die der Schreibende vor ein paar Jahren im SSV-Archiv einsehen und kopieren konnte. Darunter befand sich auch jene Mitgliederliste, die Moeschlin und Naef nach Berlin mitnahmen und mit der sie ganz offenbar beweisen wollten, dass ihr Verein so gut wie «judenfrei», also auch in diesem Punkt der Reichsschrifttumskammer gleichzusetzen sei. In dieser Liste sind nämlich die Namen Werner Johannes Guggenheim, Rudolf Laemmel, S.D. Steinberg und Regina Ullmann mit einem Strich gekennzeichnet, während sich am Schluss, von Naef handschriftlich eingefügt, eine Addition findet, die ausgeschrieben folgendermassen lautet: «4 Juden, davon 1 Halbjude, 2 getauft».
Wenige Monate vor diesen Berliner Verhandlungen, am 14. Mai 1933, hatte unter Moeschlins Leitung die GV des SSV in Baden jene Richtlinien zu Handen der Polizei verabschiedet, die bis 1942/43, als sowohl Moeschlin als auch Naef und sein Nachfolger Egli zurückgetreten waren und mit Franz Beidler ein toleranterer, wenn auch noch immer eifrig um die Vorteile der «Schweizerdichter» bemühter Sekretär für den SSV bestimmend wurde, Gültigkeit behielten. In dieser Empfehlung hiess es nun zwar, dass «literarisch und geistig hervorragenden» sowie «aus politischen Gründen in Deutschland verfolgten» Schriftstellern Asyl und Arbeitsmöglichkeit in der Schweiz geboten werden solle. Bei den «literarisch und geistig Hervorragenden» stand jedoch der Zusatz: «Die Frage, ob ein Gesuchsteller zu den hervorragenden Schriftstellern zu zählen sei, soll von einer aus Fachleuten bestehenden Kommission beurteilt werden.» Und die weniger «hervorragenden»? Dazu heisst es ausdrücklich: «Allen übrigen ausländischen Schriftstellern und Journalisten, insbesondere also den kleinen Zeilenschreibern und den unbedeutenden Gelegenheitsautoren, ist das Aufenthaltsrecht in der Schweiz zu verweigern.»
Obwohl die Zusammenarbeit SSV-Fremdenpolizei bald schon zur Zufriedenheit beider Parteien reibungslos funktionierte, vergewisserte man sich der beiderseitigen Absichten von Zeit zu Zeit wieder neu. So wurde z.B. am 26.Juni 1935 die Praxis, die Grossen zu fördern und die Kleinen am Schreiben zu hindern, wiederum ausdrücklich bestätigt, als Naef und Moeschlin Polizeichef Rothmund in Bern aufsuchten und den Inhalt des Gesprächs dann in einem Brief vom 2.Juli 1935 rekapitulierten, für den sie am 29.8.35 nachträglich das Placet des Gesamtvorstands einholten. «Bezugnehmend auf unsere Besprechung vom 26.Juni 1935», heisst es da, «richten wir erneut die Bitte an Sie, zugewanderten deutschen Schriftstellern v o n R a n g die Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung in der Schweiz zu erteilen. (…) Ein strenges fremdenpolizeiliches Vorgehen ist dagegen den unbedeutenden kleinen Schreibern gegenüber am Platz, die lediglich in die Schweiz kommen, um hier eine wirtschaftlich günstigere Situation auszunützen. Diese behenden Journalisten, die aufdringlich von Redaktion zu Redaktion laufen und den Schriftleitern ihre Machwerke aufdrängen, sollten unbedingt von der Schweiz ferngehalten werden.»
111 SSV-Begutachtungsfälle liessen sich anhand der noch vorzufindenen Akten für den Zeitraum 1933-1945 noch zweifelsfrei eruieren. Sie beantworteten neben solchen der Eidgen. Fremdenpolizei auch Anfragen der kantonalen und städtischen Fremdenpolizeibehörden sowie der für Arbeitsbewilligungen zuständigen Arbeitsämtern. In 30 Fällen war die Antwort von Anfang an oder schlussendlich ablehnend, in 5 Fällen wurde nach Intervention dritter ein ursprünglich negativer Bescheid zu einem Ja oder einem bedingten Ja korrigiert, in 47 Fällen befürwortete der SSV die Gesuche, in 37 Fällen verband er sein Ja mit einer oder mehreren Bedingungen, die fast immer darauf hinausliefen, dass die Petenten den SSV-Mitgliedern keine Konkurrenz machen durften, also keine Stelle einnehmen und nicht für Zeitungen und Radio arbeiten durften, sondern auf das reine Dichten d.h. Bücherschreiben festgelegt wurden. Mit welcher Häme in den streng vertraulichen Korrespondenzen über die ausländischen Schriftsteller hergefallen wurde, spottet dabei jeder Beschreibung. Im Gutachten vom 1.7.38 zu Siegfried Reinke heisst es z.B. :«Nicht genug, dass diese Ausländer sich in unsere Zeitungen eindrängen und sich über Themen äussern, die sie besser unseren Autoren überliessen, sie betreiben auch eine Schmutzkonkurrenz, die den schweizerischen Kollegen schadet.» In Sachen Siegfried Reiche schrieb der SSV am 6.10.37 an das Berner städtische Arbeitsamt: «Der Umstand, dass Frau Reiche die Bewilligung erhalten hat, am Stadttheater Bern zu gastieren, ist kein Grund, auch noch dem Mann die Arbeitsbewilligung zu erteilen. Setzt sich auch er in der Schweiz fest, so wird man das Ehepaar überhaupt nicht mehr aus dem Lande herausbringen.» Und was den Antisemitismus betrifft, so zeigt sich der nicht nur darin, dass von den negativ beschiedenen Gesuchen der überwiegende Teil von jüdischen Petenten stammte, sondern auch ganz konkret in der Argumentation. Israel Cahen z.B. wird im Gutachten vom 14.März 1940 ausdrücklich dafür gerügt, dass er als Jude und Verfasser des Buches «Nietzsche und die Juden» unter dem Pseudonym «Wilhelm Meister» in der Basler Nationalzeitung schrieb: «so erscheint das in einem mehr als sonderbaren Licht, wenn man diesen in der deutschen Literatur als Exponent des antijüdischen Deutschtums bekannten Namen mit dem Inhalt des Buches ,Nietzsche und die Juden’ in Beziehung setzt». Der Zynismus erreichtd dann seinen Höhepunkt, wenn einem vermögenden, quasi als Tourist in der Schweiz lebenden Poeta minor wie Robert Schmidt Unterstützung gewährt wurde, während bedrohte, aber mittellose Petenten auf ihren bereichernden Wert für die Schweizer Kultur hin gewogen wurden. Im bedingt positiven Gutachten für Schmidt vom 23.6.36 steht jedenfalls zu lesen: «Schmidt scheint der typische Kurant zu sein, der sich von Kuranstalt zu Kuranstalt und von Hotel zu Hotel bewegt. Solange sein Vater für die hieraus entstehenden Kosten aufkommt, dürfte sein Aufenthalt in der Schweiz aus wirtschaftlichen Gründen sogar erwünscht sein.» Bemerkenswert ist im übrigen, dass Moeschlin und Naef nicht nur auf der Basis von GV- und Vorstandsbeschlüssen handelten, sondern sich in besonders heiklen Fällen auch immer wieder der Rückendeckung des Vorstands oder weiterer wichtiger Mitglieder versicherten. So kursierte im März 1937 im Fall des Petenten Walter Victor, der im Tessin eine Zeitung gründen wollte, eine Vernehmlassung bei den Herrn Giuseppe Zoppi, Piero Bianconi und Francesco Chiesa, auf der geschrieben stand: «Die Art und Weise, wie Victor sich bei uns eindrängt, ist höchst unsympathisch.» Der Antrag vom 30.4.37 an die Eidg. Fremdenpolizei, Victor die Niederlassungs- und Arbeitsbewilligung zu verweigern, erfolgte einstimmig.
Dass zumindest Felix Moeschlin seine harte Haltung in Sachen Flüchtlinge bis zuletzt nicht geändert hat, zeigt eine Briefstelle vom 22. 9. 1942. Nach einer Rede Bundesrat von Steigers, in welcher dieser seine Politik des vollen Rettungsbootes verteidigt hatte, schrieb Moeschlin, damals als SSV-Präsident bereits im Ruhestand, seiner Frau: «Bundesrat von Steiger war ausgezeichnet in der Behandlung der Flüchtlingsfrage. Nichts dagegen einzuwenden.»
Sicher: es wäre verfehlt, Moeschlins Haltung als die für die Gesamtheit der Mitglieder seiner Organisation repräsentative zu betrachten. Auch war gegenüber der Faszination der braunen und schwarzen Bewegung eine literarisch gewichtige Mehrheit der damaligen Schweizer Schriftsteller unzweifelhaft immun – man denke nur etwa an Jakob Bührer, Konrad Falke, Alfred Fankhauser, Emil Gerber, Elisabeth Gerter, Kurt Guggenheim, Ludwig Hohl, R. J. Humm, C. A. Loosli, Traugott Vogel, Annemarie Schwarzenbach oder Albin Zollinger! Und doch ist es unbestreitbar, dass die Verbandspolitik des SSV zwischen 1933 und 1942 letztlich darauf hinauslief, einerseits die nicht «zeitlosen» antifaschistischen Schriftsteller von der Schweiz fernzuhalten oder am Publizieren zu hindern, andererseits aber den Schweizern das nationalsozialistisch kontrollierte deutsche Verlagswesen so lange wie möglich offenzuhalten. Und es hilft nichts über die Tatsache hinweg, dass die wichtigste Grundlage dieser Politik, die SSV-Richtlinien vom 14. Mai 1933 zu Handen der Fremdenpolizei, auf dem demokratischen Konsens der beteiligten Schriftsteller beruhte.
Eine grundlegende Änderung der Emigrantenpolitik trat erst an der Vorstandssitzung vom 21.Oktober 1943 in Solothurn ein, als beschlossen wurde: «Der SSV steht einer Lockerung der bisherigen Praxis betreffend die Mitarbeit von Emigranten-Schriftstellern am Feuilleton der schweizerischen Presse … innerhalb gewisser Grenzen sympathisch gegenüber.» Von da an hat der SSV, wie Franz Beidler es am 11.März 1965 in einem Schreiben an Hermann Schneider formulierte, «in allen Vernehmlassungen eine Erteilung der Auffenthalts- und unbeschränkten Arbeitsbewilligung für Emigrantenschriftsteller in allen gerechtfertigten Fällen mit entschsprechender Argumentation entschieden befürwortet.» Rückblickend aber konstatierte der SSV-Sekretär im gleichen Schreiben von 1965, «dass wir in dem entscheidenden Jahrzehnt 1933-1942 die von uns geforderte Bewährungsprobe nicht bestanden, sondern ziemlich kläglich versagt haben. Denn als 1943 endlich die längst fällige Wendung eintrat, deren Auswirkungen übrigens erst von 1944 an fühlbar wurden, da war es allenthalben sonnenklar, dass das Dritte Reich zum Untergang verurteilt war.» Nicht Franz Beidler, C.F. Vaucher nannte die Dinge am deutlichsten beim Namen. Am 20. April 1965 erinnerte er sich Beidler gegenüber, dass Moeschlin noch anfangs 1942 für einen Anschluss des SSV an die Reichskulturkammer eingetreten sei und kam zum Schluss: «Tatsache bleibt, dass Präsident Moeschlin und der Klüngel um ihn den geistigen Verrat an unserer heimatlichen Demokratie, an den ehrbaren Grundsätzen der Presse- und Redefreiheit, der Asylgewährung und am literarischen Erbe innerlich, im Herzen und in der Seele, bereits vollzogen hatten.»
Den endgültigen Schlussstrich unter die Badener Beschlüsse und deren Folgen setzte der SSV allerdings dann erst 1945. An der Vorstandssitzung vom 24. Februar 1945 wurde beschlossen, was Bundespräsident von Steiger in einem Brief vom 16.März 1945 zur Kenntnis gebracht wurde: dass zur Empfehlung von 1933, die Buchproduktion ausländischer Schriftsteller sei nicht zu beschränken, nun die Auffassung hinzukomme, dass «auch alle Beschränkungen des übrigen literarischen Schaffens ausländischer Schriftsteller in der Schweiz aufzuheben» seien.
Als der SSV am 9./10. Juni 1945 an seiner Luzerner GV nicht nur eine Enquête in Sachen Zahn, Knittel, Huggenberger und anderer der Zusammenarbeit mit den Nazis verdächtigter Autoren beschloss – der Antrag kam von Adolf Saager, und die Sache verlief bald einmal im Sand –, sondern auch die heikle Frage der Beziehung zwischen Kultur und Staat grundsätzlich diskutieren wollte, traten nur Oskar Bauhofer (der dem EDI dafür dankte, dass es sein Amt als «Treuhänder der Schriftsteller» während des Krieges «in so glücklicher Weise» erfüllt habe) und Eric de Montmollin (der die Zensur als «Erziehung zur Selbstzucht» feierte) ans Rednerpult. Der ursprünglich als weiterer Redner vorgesehene Alfred Fankhauser glänzte durch Abwesenheit, und Walter Muschg hatte schon am 25.5.45 mit folgender Begründung abgewinkt: «Unter den staatlichen Eingriffen in das geistige Leben, die bei uns während des Krieges vorgekommen sind und heute noch in Kraft stehen, habe ich als besonders bedauerlich immer das generelle Verbot an die emigrierten und internierten ausländischen Schriftsteller, Künstler und Gelehrten empfunden, sich bei uns beruflich zu betätigen. Für die Behinderung der ausländischen Schriftsteller haben sich die Behörden dabei immer auf die Stellungnahme des SSV berufen, ohne dass dieser dem je widersprochen hätte, so dass ich annehmen muss, dass dieser die Massnahme tatsächlich unterstützt hat. Ich wäre also genötigt, gegen den SSV zu polemisieren, und meine Polemik müsste so scharf ausfallen, dass ich den Frieden Ihrer Generalversammlung stören würde.»
Ein Jahr später, an der GV 1946 in Chur, waren die Flüchtlinge längst vergessen und publizierte der SSV ein Commuiqué, in dem es u.a. hiess: «Die schweizerischen Schriftsteller haben die Pflicht und beanspruchen das Recht, am Wiederaufbau des deutschen Geisteslebens mitzuarbeiten.» Daraufhin, am 29.Mai 1946, schickte einer der emigrierten Schriftsteller, der in St.Moritz lebende D. Ungerer, dem SSV einen Protest, in dem es u.a. hiess: «Meine Herren, auf was begründen Sie dieses Recht? Haben Sie vergessen, was gerade Sie uns unglückseligsten aller in der Emigration lebenden deutschen Geistesarbeitern angetan haben?»

(*1 Moeschlins Briefe an seine Frau, die aus Schweden gebürtige Malerin Elsa Hammar, sind von Moeschlin selbst 1955 unter dem Titel «Ich bin dein und du bist mein» im Artemis-Verlag veröffentlicht worden. – Der Artikel erschien im Sommer 1997 im «Kleinen Bund»)