Helen Meier *1929

Helen Meier

Als Helen Meier, geboren am 17. April 1929 in Mels SG, im Sommer 1984 mit der Erzählung «Lichtempfindlich» beim Klagenfurter Wettlesen die Jury mit Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki irritierte und begeisterte, konnte man den Text über einen lernbehinderten Schüler noch als literarisches Nebenprodukt der pädagogischen Bemühungen einer appenzellischen Sonderschullehrerin verbuchen. Schon die weiteren Erzählungen des im gleichen Jahr im Zürcher Ammann-Verlag erschienenen Bandes «Trockenwiese» aber liessen erkennen, dass die eigenwillige Sprache und die naiv anmutende Erzählhaltung nicht dem Thema geschuldet, sondern das Kennzeichen einer Begabung waren, die sich abseits des linearen Erzählens in kraftvollen Bildern und kühnen Assoziationen Ausdruck verschaffte, ohne je kalt oder künstlich zu wirken. Dem späten Erstling folgten in steter Steigerung von Intensität und Sprachgewalt und in einer Produktivität, welche die Schaffenskraft eines ganzen Lebens im AHV-Alter zu versammeln schien, die Erzählbände «Das einzige Objekt in Farbe», «Das Haus am See», «Nachtbuch», «Letzte Warnung» und «Liebe Stimme» sowie die Romane «Lebenleben», «Die Novizin» und «Schlafwandel». Allesamt Geschichten über Leid, Not, Angst, Verzweiflung, dargestellt und veranschaulicht am Schicksal von Outsidern und Randständigen: Behinderte, Kranke, Verlassene, Querulanten, von der Liebe Enttäuschte, vom Leben Gebeutelte, von der Gesellschaft Ausgegrenzte. Mit den Worten von Helen Meier: «Das Glatte, Normale, Liebliche, Nette, Herzige interessiert mich nicht. Ich kann es nicht packen, literarisch, es gelingt mir nicht. Ich muss eine Figur haben mit Ecken und Kanten, sonst schlipfe ich ab. An einer glatten Kugel kann ich mich nicht festhalten.» Und das späte Debüt? Ist für sie nie ein Problem, sondern nach jahrzehntelanger Tätigkeit als Mitarbeiterin des Roten Kreuzes und als Sonderpädagogin höchstens ein Vorteil gewesen: «Wer schreibt, muss etwas zu sagen haben, und das kann man nur, wenn man gelebt hat.» Folklore aber hat Helen Meier, obwohl ihr Schreiben geografisch kaum je über Appenzell und die Ostschweiz hinausreicht, niemals geliefert. Auch wenn sie ungerührt Ausdrücke wie «Gestältli», «gehöfelt» oder «nicht verputzen können» braucht: Mit dem halluzinierenden Parlando ihres Erzählens, das den Erzählvorgang unentwegt mitreflektiert, mit der Kraft ihrer Schilderungen, die dem Sinnlichen vor dem Intellektuellen den Vorzug geben, und mit ihren Figuren, die immer einen Rest Geheimnis in sich tragen mit all dem gehört sie ohne Zweifel zu den grossen Stimmen der europäischen Literatur. Wie sie Liebe und Tod miteinander verschwistert, kennt jedenfalls kaum irgendwo eine Parallele. «Liebe, und du bist sofort unglücklich», heisst es in «Liebe Stimme» lapidar, und vom lebenslangen Unglücklichsein befreit erst der Tod, «der einzige Trost in der Qual der Liebe». Aber natürlich ist die Liebe nicht nur Qual, sondern immer auch Bezauberung. Und sie findet, wie in «Letzte Warnung» ein Vater zu seiner Tochter sagt, nirgendwo anders als «im Kopf und im Herzen» statt. «Das, was unter dem Namen Sex läuft, kannst du glatt vergessen!»