Ella Maillart 19031997

«Man muss dem Dasein mit Aktivität begegnen», sagte Ella Maillart 1951 der BBC. «Für die meisten von uns führen Passivität und Kontemplation nicht zum vollen Leben.» Aktivität Nr. 1 war das Segeln, das die am 20. Februar 1903 geborene Tochter eines Genfer Pelzhändlers zunächst vor dem väterlichen Sommerhaus auf dem Genfersee, bald aber, nachdem sie die Matura verpatzt hatte, mit einer Freundin auf dem Mittelmeer mit seetüchtigen Schiffen betrieb. 1924 vertrat sie die Schweiz bei Olympischen Sommerspielen in Paris als einzige Frau in der Kategorie Einmann-Scholle. Aktivität Nr. 2 und 3 waren nicht minder spektakulär. So coachte sie in Genf das erste Schweizer Damen-LandhockeyTeam und fuhr im Winter im Nationalteam Skirennen. Ihre eigentliche Bestimmung aber fand sie in der Aktivität Nr. 4, dem Reisen. Ella Maillart lebte in Berlin, wo sie nicht nur Deutsch, sondern (von russischen Emigranten) auch Russisch lernte, als die Witwe von Jack London ihr fünfzig Dollar schenkte und sie damit zu ihrer ersten grossen Reise aufbrach. Um selbst zu erleben, was die Revolution in Russland den jungen Menschen gebracht hatte. Nach sechs Monaten war sie zurück und wurde vom Verleger Charles Fasquelle um einen Reisebericht gebeten. «Ich hasse schreiben», erwiderte sie, was der Verleger mit «Was für eine Chance!» quittierte, der 1932 aus dem unverfroren-frischen Bericht der jungen Frau den Bestseller «Parmi la jeunesse russe» («Ausser Kurs») machte: für Paris eine Sensation, für Genf ein Skandal, für Ella Maillart selbst aber das Debüt als Autorin, die mit ihren Büchern immer abenteuerlichere Reisen finanzieren konnte. Noch im gleichen Jahr begann, was sie 1938 in «Turkestan solo» schildern sollte: der Trip durch Turkestan und Kirgisien zu den Siebentausendern von Tian Shan. 1935 durchquerte Maillart zusammen mit Peter Fleming, dem Bruder des James-Bond-Schöpfers Ian Fleming, mitten im chinesischen Bürgerkrieg ganz China und Indien auf Wegen, die für Europäer verboten waren. «Oasis interdites» («Verbotene Reise») hiess 1937 ihr Bericht. Fleming hatte das Abenteuer schon 1936 in «News from Tartary» beschrieben, wo zur Rolle seiner Partnerin zu lesen war: «Wir wussten beide, dass sie sozusagen der bessere Mann war.» 1939 liess sie sich überreden, mit Annemarie Schwarzenbach eine Autofahrt ins schwer zugängliche Afghanistan zu wagen. Die Fahrt im Ford Roadster wurde Ella Maillarts schwierigste Reise überhaupt, scheiterte sie doch glorios mit ihrer Strategie, die Gefährtin von der Drogensucht abzubringen. Sie liess Schwarzenbach in Kabul zurück und begab sich allein nach Indien, wo sie den Krieg über blieb und in einem Ashram «die unerkundeten Regionen des eigenen Geistes» erforschte. Die Fahrt nach Kabul aber beschrieb sie 1948 in «La voie cruelle» («Der bittere Weg»), wo sie die inzwischen verstorbene Freundin als Christina auftreten liess. Nach dem Krieg unternahm Ella Maillart, nun oft als Reiseleiterin, weiterhin Reisen in alle Welt. Was sie selbst betraf, war ihr nun klar geworden: «Keine Reise führt ans Ende der Welt, aber allmählich lenkt sie doch zum Wesentlichen. Nur die Reise zum eigenen Ich ist wirklich. Ich habe mein Ich gefunden.» Wenige Wochen, bevor sie am 27. März 1997 94-jährig in Chandolin starb, beantwortete Ella Maillart bei einem Auftritt in Martigny eine entsprechende Frage mit: «Ich möchte mit einem Lächeln auf den Lippen sterben.»