Meinrad Lienert 18651933

«Es ist kaum möglich, diese Lyrik zu überschätzen», schrieb Carl Spitteler in den «Süddeutschen Monatsheften», nachdem 1913 Meinrad Lienerts Gedichtsammlung «s Juzlienis Schwäbelpfyffli» in endgültiger Fassung herausgekommen war, «das ist nun einmal die wahre Volkspoesie, die Erschliessung der stummen, nach Aussprache dürstenden Volksseele durch die Fürsprache einer hochbegabten dichterischen Persönlichkeit. » Am 21. Mai 1865 in Einsiedeln geboren, hatte der ehemalige Klosterschüler und spätere Einsiedler Notar 1891 mit dem in Einsiedler Mundart verfassten Prosabuch «Flüehblüemli» debütiert und war dafür von Josef Victor Widmann zum «schweizerischen Rosegger» erklärt worden. Und wirklich war Lienert als Erzähler auch dann noch erfolgreich, als er zum Hochdeutschen überging und mit «Der Pfeiferkönig. Eine Zürchergeschichte» (1909), «Das Hochmutsnärrchen» (1911) und «Der doppelte Matthias und seine Töchter» (1929) über die Schweiz hinaus zu Ansehen kam. Insbesondere im letzteren Roman, der von fünf Bergbauerntöchtern handelt, die auf einem einsamen Hof ein Leben voller Tatkraft führen und trotz der Unbeholfenheit ihres Vaters Matthias alle irgendwie unter die Haube kommen in dieser alpinen Familiengeschichte ist es Lienert gelungen, die Stereotype des Heimatromans auf eine entwaffnend humorvolle, nie sentimentale Art in einen lesbaren, leichtgewichtigen Text einzubringen, ohne seiner unverwechselbaren, unverkennbar schweizerischen Diktion und Syntax untreu zu werden. Und doch, Erfolg hin oder her: Lienert war im Grunde eine lyrische und keine epische Begabung. Schon in «Jodler vom Meisterjuzer» (1893), vor allem dann aber im zwischen 1906 und 1913 entstandenen «Schwäbelpfyffli» gelang es ihm mit einfachen, gereimten Versen in Sprache, Thematik und Atmosphäre auf frische und gelegentlich durchaus humorvolle Weise die ihm vertraute Welt des von der modernen Technik noch weitgehend unberührten Einsiedler Tals anrührend in die Literatur einzubringen. «Han emol äs Gschpüsli ka,/ Hetts am liebschte gfrässe. /So äs widleichs Tüfeli / hät nu keine bsässe» fängt das Gedicht «s Tüfeli» an, aber Lienert beschränkte sich keineswegs auf Liebesgedichte, sondern nahm den ganzen ländlichen Kosmos mit Hochzeit, Geburt und Tod, Hirtenleben, Alpaufzug, Kirchweih, Fastnacht, Hexenzauber, Sommer, Frühling, Herbst und Winter mit in seine Verse hinein. Schon 1898 war er mit seiner Familie nach Zürich gezogen, wo er Redaktor bei der Tageszeitung «Die Limmat» wurde. Und der Umstand, dass das Einsiedlertal für ihn nun in die Ferne rückte, hatte zur Folge, dass einige seiner schönsten «Liedli» in ihrer dunklen, melancholischen Färbung die Sehnsucht und das Heimweh zum Ausdruck brachten. Als Meinrad Lienert am 26. Dezember 1933 in Küsnacht ZH starb, stand er als Begründer der Schweizer Mundartliteratur und als Lesebuchautor par excellence in hohen Ehren. In der Zeit der geistigen Landesverteidigung erlebte er seiner nationalen «Bodenständigkeit» wegen eine Renaissance und sahen an der «Landi 39» Tausende seinen «Schällechüng» von 1908. Heute sind wohl seine patriotischen Schweizer Sagen und Geschichtserzählungen für gewissen Kreise wieder en vogue, dem «Schwäbelpfyffli» aber, seinem bedeutendsten Werk, vermochte auch die im Zeichen der «CH 91» erfolgte Neuausgabe keinen neuen Glanz mehr zu verleihen.