Gertrud Leutenegger *1948

«So ganz richtig dabeizusein. Eine Demonstration! Denn nur Mitlaufen, das ist es nicht!» Wer die ersten Sätze von Gertrud Leuteneggers 1975 erschienenem Erstling «Vorabend» wörtlich nimmt und einen Revolutionsroman erwartet, wird enttäuscht. Die Wanderung durch das nächtliche Zürich am Vorabend einer Demonstration ist nur das äussere Gerüst, in das eine ganz persönlich erinnerte, beobachtete und fantasierte Welt hineingebaut ist. Da wird die Schwyzer Kindheit der am 7. Dezember 1948 geborenen Tochter eines Zeitungsredaktors evoziert, erscheint die Liebe als etwas Gefährdetes, spiegelt sich die Rastlosigkeit der 68er Generation und meldet sich in einem Satz wie «Mich hat als Kind eine todwunde Amsel angeschaut» der Tod zu Wort. In «Ninive» wird dann 1977 eine durchwachte Nacht vor einem präparierten Wal in Schwyz zum Gerüst der Erzählung. Eine junge Frau und ihr aus Berlin angereister Jugendfreund Fabrizio ersehnen eine «andere Konkretheit». Sie wollen aufbrechen, die Schatten der Vergangenheit hinter sich lassen, wissen aber auch: «Wir haben keine Zukunft, weil wir ganz da sind.» Gertrud Leutenegger ist nicht nur ihrer leisen, imaginativen, hintergründigen Schreibweise, sondern auch den Themen Kindheit, Liebe und Tod, treu geblieben. Weltfremd aber ist sie bei aller poetischen Verschlüsselung nie geworden. So hat das halluzinatorische Liebes-Poem «Komm ins Schiff» von 1983 durchaus auch eine sozialkritische Komponente, sind «Das verlorene Monument» und «Kontinent» von 1985 von einem starken Umweltbewusstsein getragen und kann sogar noch «Matutin» (2008), dieses abgründige Porträt einer Frau, die als Kustodin eine ehemalige Vogelfanganlage betreut, als Protest gegen die Ermordung der Singvögel gelesen werden. Kindheit, Vater und Mutter aber geraten nie aus dem Blick. In «Pomona» (2004), dem Abgesang auf eine tote Liebe, erinnert sich die Tochter liebevoll an die unzähligen Apfelsorten der Mutter, in «Matutin» ist die Mutter mit ihren Kirschen präsent und mutiert der Vater, der unermüdlich auf seine Schreibmaschine einhackte, zum Specht. Wir hätten «zu wenig Liebesformen», lautet schon in «Vorabend» die Klage, und es lässt sich Gertrud Leuteneggers Werk durchaus als eine Suche nach anderen Liebesformen, aber auch als eine Auseinandersetzung mit dem bisweilen Hoffnungslosen der Liebe verstehen. «Gouverneur» war 1981 die Geschichte zweier Liebenden, die sich voreinander förmlich einmauern, um jene Begegnung zu vermeiden, die dann am Schluss doch noch geheimnisvoll angetönt ist. In «Kontinent» wurde 1985 China dank einem Liebeserlebnis zum vertrauten Gebiet, «Meduse» bedeutete 1988 den Abschied von Fabrizio aus «Ninive», «Acheron» stellte 1994 die Lösung von einem Mann namens Signor dar, «Matutin» ist der Rückzug aus allen Beziehungen auf sich selbst. Aber die Liebe ist weiterhin ein Thema, und eine der schönsten, poetischsten Beziehungen offenbart «Panischer Frühling» (2014). Wie «Vorabend» ist es wieder die Frucht von nächtlichen Rundgängen durch eine Stadt, diesmal durch London. Im Zeichen eines panischen, durch den isländischen Aschenregen erhitzten Frühlings begegnet die Erzählerin einem jungen Zeitungsverkäufer, der sie fasziniert und ihren Erinnerungen an die Schwyzer Kindheit seine eigenen Geschichten gegenüberstellt. So unabdingbar wird der junge Mann zum nächtlichen Begleiter und Mitfabulierer, dass die beiden erkennen: «Solange wir redeten, ertranken wir nicht.»