Luisa Famos 1930Ė1974

Wie eine stumme Anklage bleibt es einem im Gedächtnis haften, das Bild des Indiomädchens aus Honduras, das vor der Wellblechhütte von einem Lastwagen überfahren wird, sodass das rote Band, das es im Haar trug, neben seiner braunen Hand zu liegen kommt. «Pitschna indiana / cul bindè cotschen / Dasper teis man brün» («Kleine Indianerin / mit dem roten Band / neben deiner braunen Hand») endet das Gedicht, und das Erstaunliche daran ist, dass es sich ohne Weiteres in die grosse Lyrik des 20. Jahrhunderts einreiht und doch nicht in einer Weltsprache, sondern im ladinischen Idiom des Engadiner Dorfes Ramosch geschrieben ist. Obwohl ihre ersten Verse 1960 im «Chalender Ladin» erschienen und sie die zwei Lyrikbände «Mumaints» («Momente») und «Inscunters» («Begegnungen») auf eigene Kosten drucken lassen musste, war Luisa Famos alles andere als eine Engadiner Heimatdichterin. Am 7. August 1930 in Ramosch geboren, bildete sie sich am Churer Lehrerseminar zur Primarlehrerin aus und unterrichtete im Dischmatal bei Davos, in Vnà bei Ramosch und an der Gesamtschule von Guarda, bis sie 1959 das Engadin enttäuscht verliess, weil Guarda die Wasserkonzessionsrechte an die Bündner Kraftwerke verkauft hatte. Sie war Lehrerin in Dietikon bei Zürich, als sie 1962 bis 1964 die erste rätoromanische Sendung des Schweizer Fernsehens, «Il Balcun tort», moderierte. 1963 hatte sie den Ingenieur Jürg Pünter geheiratet, und mit ihm und ihren beiden Kindern lebte sie dann von 1969 bis 1972 in Honduras und Venezuela, wo Pünter als Bauingenieur tätig war. Zur Dichterin aber war sie 1959 als Literaturstudentin in Paris geworden, als sie die Felder, die Tannen, die Blumen, die Schwalben, die Menschen des Engadins evozieren wollte und erkannte, dass ihr das nur in ihrer eigenen Sprache, dem Ladin, wirklich gelingen konnte. Getragen von einer natürlichen Frömmigkeit, sehnsüchtig nach Liebe und Zärtlichkeit, wusste sie, ohne je rührselig zu werden, mit ihrem genuinen Sprachtalent dem Bild einer Wolke, dem Läuten der Kirchenglocken, dem Blick zu den Sternen, dem Wechsel der Jahreszeiten eine leuchtende, lange nachwirkende Intensität abzugewinnen, betrat aber mit ihren freien, das Korsett des Reimes sprengenden Versen in einem weitgehend noch starren, männerdominierten Umfeld auch formal auf kühne Weise Neuland: «Meis nom ais / Randulina / Opür eu vuless almain // Díinstà chanta bodezzas / Suot la pensla / Chanzuns per vus // Ed ant chaíl sulai va adieu / Stun sül piz dal clucher / Per as verer plü bain.» («Eine Schwalbe / heisse ich mich / und wollte ich sein // Im Sommer in aller Frühe / unter dem Vordach / singe ich Lieder für euch // Und bevor die Sonne scheidet / sitze ich auf der Spitze des Kirchturms / und sehe auf euch herab.»). Von allem Anfang an hat Luisa Famos auf berührende Weise auch den Tod in ihr Schreiben miteinbezogen. «Líala da la mort / Míha tocca» («Der Flügel des Todes / hat mich berührt») beginnt eines der eindrücklichsten Gedichte der Dichterin, die der Nachwelt für immer als schöne junge Frau in Erinnerung bleiben wird. Denn kurz bevor es im Band «Inscunters» erschien, am 28. Juni 1974, war Luisa Famos mit 43 Jahren in Ramosch einem heimtückischen Krebsleiden erlegen.