Elena Bonzanigo 18941974

«Nicht malen zu können ist für mich, was für einen Vogel nicht mehr fliegen, nicht mehr singen zu können.» Serena Serodine, Tochter des Malers Battista Serodine, sagt dies zur Engländerin Lady Ward, und bald darauf, als ein fremder Künstler auftaucht und nicht nur ihr Vaterhaus, sondern auch sie selbst malen will, wird für die junge Frau die Liebe ebenso zum zentralen Lebenselement wie die eigene künstlerische Begabung. Die Casa Serodine, eines der schönsten Häuser Asconas, ist nicht nur in die Kunst-, sondern auch in die Literaturgeschichte des Tessins eingegangen. In ihrem 1944 in Lugano erschienenen und 1945 von Hans Markun auf Deutsch übersetzten Roman «Serena Serodine» hat Elena Bonzanigo die Geschichte jener Brüder Serodine erzählt, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Rom als Maler und Bildhauer zu Ruhm gelangten und sich mit der prachtvollen Fassade ihres Asconeser Vaterhauses ein Denkmal setzten. Aber nicht die beiden historisch verbürgten Künstler Battista und Giovanni stehen im Zentrum des breit ausladenden Romangemäldes, sondern Serena Serodine, eine Tochter Battistas, die ganz Elena Bonzanigos eigene Erfindung ist. Sie wächst in Pisa und Rom heran, verliert früh die Mutter, dann durch einen Mord auch den Vater, und schafft es, ins Tessin zurückgekehrt, trotz allem, ihrer ererbten künstlerischen Begabung Ausdruck zu geben. Die Kunst ist es denn auch, die sie nach einem wundervollen Coup de foudre auf den letzten Seiten des Romans mit Gualtiero, ihrem Lebenspartner, zusammenbringt. Wie der nur italienisch erschienenen Fortsetzung «Oltre le mure» (1955) zu entnehmen ist, sucht Gualtiero sein Glück bald wieder in der Fremde, während Serena nach dem Pesttod ihres einzigen Kindes ins Kloster geht. Doch als der Mann nach Jahren zurückkommt, vermag er die sanfte Serena zu einem Neuanfang «jenseits der Mauern, in der Sonne», zu bewegen. Dass dieses Romangeschehen trotz des historischen Gewandes ungemein lebensnah und anschaulich wirkt, ist wohl damit zu erklären, dass die Autorin immer wieder auf Selbsterlebtes zurückgriff. Am 18. Februar 1894 als Tochter eines weltweit tätigen Ingenieurs in Bellinzona geboren, verlebte sie ihre Jugend wie Serena Serodine in verschiedenen italienischen Städten. Wie ihre Romanfigur begann sie früh zu malen, verzichtete aber nach der Heirat mit dem Arzt Paolo Hoppeler und ihrer Wohnsitznahme in Monti sopra Locarno gleich wie Serena auf eine eigentliche Künstlerkarriere. Dafür wandte sie sich umso ernsthafter der Schriftstellerei zu, in welcher sie 1931 mit dem Lyrikband «La sorgente» («Die Quelle») debütiert hatte. 1938 machte sie mit den entzückend frischen Kindheitserinnerungen «Storie primaverili» («Frühlingsgeschichten») von sich reden. Auf die beiden Serodine-Bücher folgten 1958 die stimmungsvolle Erzählung «Viaggio di notte» (Nächtliche Reise) und 1965 der historische Roman «La Conchiglia» («Die Muschel»): eine virtuose literarische Gegenüberstellung des glorreichen italienischen Risorgimento mit den kläglichen politischen Wirren, von denen das Tessin 1890 heimgesucht wurde. Obwohl sie den Vergleich mit ihm nicht zu scheuen hatte, gelang es Elena Bonzanigo, die am 1. November 1974 in Locarno starb, zeitlebens nicht, aus dem Schatten des 1973 mit 102 Jahren verstorbenen Dichters Francesco Chiesa herauszutreten; eine Laune des Schicksals, die sie mit anderen Tessiner Zeitgenossen verband, die sie jedoch, frei von aller Verbitterung, würdevoll zu tragen wusste, indem sie den weisshaarigen Patriarchen bis zuletzt unverdrossen als Vorbild und Idol verehrte.