«Aufrecht, so gut es eben geht!»

Maja Beutler (1936-2021)

Sie begann erst mit vierzig, als Mutter dreier Kinder, Bücher zu publizieren, die am 8. Dezember 1936 in Bern geborene Maja Beutler, die zuvor als Unesco-Dolmetscherin die Welt und als Druckerei-Leiterin den Arbeitsalltag kennengelernt hatte. Anders als Laure Wyss oder Verena Stefan, die zeitgleich mit ihr debütierten, schrieb sie von Anfang an keine Frauenliteratur. Weder in ihrem kafkaesken Erstling «Flissingen fehlt auf der Karte» (1976), dessen Titelgeschichte eine der hintergründigsten Annäherungen an den Holocaust ist, noch im ersten Roman, «Fuss fassen» (1980), dieser erschütternden Auseinandersetzung mit der Krebskrankheit, die ihr 1976 erstmals den Tod vor Augen geführt hatte. In alles, was sie publizierte, brachte Maja Beutler, ohne je indiskret zu werden oder ihrer Erfindungsgabe Zügel anzulegen, rückhaltlos sich selbst ein. Aber nicht im Sinne eines Rückzugs in Selbstmitleid oder Selbstverliebtheit, sondern in einer Zuwendung zum Du, zum Mitgeschöpf, die immer auch Mitverantwortung auferlegt. «Ich glaube nicht an glückliche Beziehungslosigkeit», sagte sie einmal, und schreibend gestaltet sie denn auch unentwegt Menschen, die sich lieben oder hassen, die sich finden oder verlieren. Im Roman «Die Wortfalle» von 1983 zum Beispiel, der das Funktionieren von Beziehungen fast wie in der Retorte durchspielt und zeigt, wie oft wir vom anderen nur das Bild lieben, das wir uns von ihm machen. Im todestrunkenen und gerade deshalb so lebensgläubigen Roman «Die Stunde, da wir fliegen lernen» (1994), wo die Verlorenheit eines aus allen Beziehungen gefallenen jungen Mannes starke, poetische Bilder evoziert. In den Erzählungen «Das Bildnis der Doña Quichotte» von 1989 schliesslich, die radikaler als sonst wo der oft fast unmöglichen Verbindung von Liebe und Unabhängigkeit nachgehen. Wobei ein Text dieses Bandes, «Lady Macbeth wäscht sich die Hände nicht mehr», von der Autorin auch zu einem Theaterstück zum dritten nach «Das Blaue Gesetz» (1979) und «Das Marmelspiel» (1985) verarbeitet wurde, jedoch 1994 bei der Uraufführung am Schauspielhaus Zürich so viel skandalöses Aufsehen erregte, dass die (durch die Inszenierung sehr schön zum Ausdruck gebrachten) Stärken fast unbeachtet blieben. Die nächsten zehn Jahre waren die schwersten im Leben der Autorin. Der Krebs, den sie in «Fuss fassen» thematisiert hatte, meldete sich wieder und stiess sie in den dunklen Bereich zwischen Leben und Tod, der Verlust ihres Partners kam hinzu, und es grenzte schon an ein Wunder, dass sie sich 2009 mit dem Prosaband «Schwarzer Schnee» wieder auf eine Weise zu Wort melden konnte, die bei aller Tragik von einer tröstlichen Heiterkeit durchpulst ist. Soll man es bedauern, dass Maja Beutler nicht mit Büchern wie diesem, die ihren Rang innerhalb der neueren Schweizer Literatur bezeugen, sondern mit jenen einfachen, unmittelbar ansprechenden Kurzbeiträgen am meisten Echo fand, die sie, als ihre Stimme es noch erlaubte, auf Berndeutsch im Radio vortrug und die 1986, 1994 und 1996 als «Wärchtig», «Beiderlei» und «Tagwärts» gesammelt erschienen? Bestimmt nicht, kam doch gerade in den bescheidenen Radio-Auftritten dieser vielseitigen Dichterin ihre Fähigkeit, auf den Menschen zuzugehen und ihm aus leidvollem eigenen Erleben heraus Wesentliches über sich selbst zu sagen, am allerschönsten zum Tragen: «Heit dir o mängisch schwär, wüll ds Läbe ke Usnahm wott mache für Nech?»

Noch einmal ist nach «Schwarzer Schnee» 2013 ein literarisches Buch von Maja Beutler erschienen: «Ich lebe schon lange heute. Texte 1973 bis 2013». Beatrice Eichmann-Leutenegger war entzückt über die Frische, mit der ihr diese Texte entgegenkamen: «Auf ein, zwei oder höchstens drei Seiten entwirft sie eine Alltagsszene, die oft wie eine Humoreske heranschwirrt, aber nicht ohne ironisch verkappten Tiefsinn bleibt.» Am 13.Dezember 2021 ist Maja Beutler 85-jährig gestorben. Und es bleiben von ihr Sätze, die vielen Trost geben können wie jene, die sie in ihrem letzten Buch einem kranken alten Mann in den Mund gelegt hat: «Ich muss mich in die Hand nehmen und sagen, morgen ist noch nicht da, aber heute, das ist deine Angelegenheit, heute willst du ein Mensch sein, heute bleibst du aufrecht, so gut es eben geht...»